Kein Mitleid mit einem verlorenen Trio in Stockholm

12 Jun

Es ist ein merkwürdiges Volk, das in „Mach sie fertig“ Stockholm bevölkert. Da ist der ehemalige Söldner, der mit dem Leben jenseits des Schlachtfeldes kaum zurecht kommt und sich dennoch in zunehmenden Wahnvorstellungen als Beschützer missbrauchter und erniedrigter Frauen versteht. Dann wäre da noch der mäßig begabte Drogendealer mit arabischem Hintergrund, dessen Lebenszweck mehr oder weniger darin besteht, seinen Körper im Fitness-Studio zur Perfektion zu stählen. Natürlich misslingt das, auch weil er immer wieder versucht, mit Mitteln aus der Chemielabor nachzuhelfen. Das Trio wird durch einen desillusionierten und korrupten Cop vervollständigt, der Kleinganoven erpresst und beklaut, um seine eigenen „Einkünfte“ aufzubessern.

Keine Ermittler, nur Getriebene

Der Mord an einer unidentifizierten – und unidentifizierbaren – Leiche führt das merkwürdige Trio zusammen. Es ist kaum davon zu reden, dass die drei ermitteln oder zusammenarbeiten. Eher schon stolpern sie unbeholfen durchs Leben, sind Getriebene, die mehr schlecht als recht versuchen, den näher kommenden Einschlägen auszuweichen.

Jens Lapidus hat in seinem „Mach sie fertig“ wenig Mitleid mit seinen Figuren. In einer deutlich abwärts zeigenden Spirale aus Versagen und Gewalt treibt der 37-Jährige Autor, der von Haus aus Jurist ist, sein Trio unaufhaltsam einem Showdown entgegen, von dem schon früh klar ist, dass es nicht gut ausgehen kann.

Fehlgriff der Marketing-Strategen

„Mach Sie fertig“ ist ein sehr solides Exemplar der Gattung Kriminalliteratur. Die Konstruktion der drei Hauptdarsteller ist sogar außergewöhnlich gelungen. Das Lapidus Buch dennoch nicht vollends zufrieden stellt, hat zwei Ursachen. Der Anwalt und Autor versucht sich an der Sprache der Immigranten und Kleinganoven. Das ist angesichts des beschriebenen Milieus angemessen, aber nicht immer glaubhaft. Die Ghettosprache wirkt aus der Feder des erfolgreichen Anwaltes bisweilen künstlich, zu groß scheint die Distanz zwischen Urheber und Figur.
Der zweite Grund, der bei „Mach sie fertig“ Unbehagen auslöst, liegt bei den Marketing-Experten des deutschen Verlages. „Nach Stieg Larsson der erfolgreichste Thrillerautor Europas“, haben die PR-Strategen auf das Cover drucken lassen, und damit auch ohne explizit ausgesprochenen qualitativen Vergleich die Latte so hoch gelegt, dass Jens Lapidus sie eigentlich nur reißen kann. Aber dafür kann natürlich ihr Autor nichts.

 

Tatort:Stockholm

Es ist keine schöne Stadt, die Jens Lapidus beschreibt. Wenn man dem Autor folgt, besteht Stockholm ausschließlich aus tristen Vororten, heruntergekommen Sozialwohnungen mit viel Beton und wenig Lebensqualität, billigen Fitness-Studios, schmierigen Kneipen und halbseidenen Nachtclubs, in denen mindestens gekokst, meistens aber auch gedealt wird. Jens Lapidus folgt vielen schwedischen Autoren, die dem vermeintlichen schwedischen Idyll aus Holzhaus und Darlana-Pferdchen eine verkommene Metropole ohne Aussicht auf Besserung entgegensetzen. Der 37-Jährige setzt bei seinen Beschreibungen weniger auf Präzision als vielmehr auf Stimmungen. Das gelingt ihm, auch wenn man häufiger insgeheim denkt, „so schlimm kann es doch gar nicht sein“, sehr überzeugend.

Jens Lapidus, „Mach sie fertig“, Scherz, 14,95 €

VÖ: 8. Juni 2011

Ein Text von mir dazu gibt es auch in der Literarischen Welt