Packende Ermittlungen im chinesischen Kaiserreich

12 Jun

Di Jen Dsiä ist ein Beamter wie er im Buche steht. Er trägt einen langen Bart, ist seinem Kaiser treu ergeben und folgt den konfuzianischen Prinzipien aufs Wort. Außerdem ist er gleichermaßen weise wie scharfsinnig.

All diese Eigenschaften bescheren dem frühen Multitalent des chineschem Kaiserreiches der Ming-Dynastie das Amt des Bezirksvorstehers. Als Richter Di sorgt er für wirtschaftlichen Wohlstand, gesellschaftliche Ordnung und die Einhaltung der Gesetze. Der Niederländer Robert van Gulik griff in der Mitte des 20. Jahrhunderts die beinahe mythische Figur chinesischer Rechtsgeschichte auf und schuf seinen Richter Di. 15 durchweg perfekte Bände lang schickt van Gulik seinen Richter auf Verbrecherjagd.

„Geisterspuck in Peng-lai“

Am Beginn steht „Geisterspuk in Peng-lai“.  Der noch junge Richter Di tritt seinen ersten Posten jenseits der Hauptstadt an, muss sich mit Straßenräubern, entführten Bräuten und ermordeten Gerichtspersonal herumschlagen. Dabei beweist er, dass er mit einem scharfen Schwert ebenso gut umgehen kann wie mit einem geschliffenem Verstand. Der Richter ermittelt dabei immer mehrere Fälle gleichzeitig, weil das, so entschied van Gulik, am ehesten der Realität entsprach. Der „Geisterspuck“ ist nicht der erste Roman, den der Holländer verfasste, steht aber chronologisch in der Biographie des Richters an erster Stelle, eignet sich also am besten als Einstieg in die chinesische Welt.

Fesselnde Krimis mit wissenschaftlicher Genauigkeit

Die Richter Di-Serie zeichnet sich dadurch aus, dass van Gulik enorm dichte, fesselnde Kriminalromane geschaffen hat, die gleichzeitig in ihrer Beschreibung der kaiserlichen chinesischen Gesellschaft auch noch so präzise sind, dass sie als populärwissenschaftliche Literatur auch unter den Augen gestrenger Sinologen bestehen. Nicht nur der Aufbau des chinesischen Staatswesen (und die ihm innewohnenden Konflikte) ist gut beschrieben, auch Gesellschaft und Alltagsleben erstehen auf den Seiten der Richter-Di-Krimis auf – und das ohne, dass van Gulik irgendwelche westlichen Klischees gebrauchen würde.

Das liegt auch an der Biographie und der Person des Autors. Van Gulik, geboren 1910, wuchs unter anderem in Indonesien auf, lernte früh Chinesisch, Javanisch und Malaiisch. Auf dem Gymnasium in Den Haag lernte er Griechisch, Latein, Deutsch, Französisch und Englisch. Außerdem brachte er sich in seiner Freizeit Sanskrit und Russisch bei. Der Sprachtalent studierte indisches Recht und Sprachen. Am Ende seiner Ausbildung stand die Promotion in Literatur. Danach arbeitete er bis zu seinem Tode 1967 als Diplomat. Von 1934 publizierte er wissenschaftliche Werke, ab 1949 Literatur. Seine Richter-Di-Romane illustrierte das Multitalent selber.

 

Tatort:China

Richter Di kommt herum. Er ermittelt an der Grenze zu Nordkorea, in einem gottverlassenen Nest an der Grenze zur Mongolei, ebenso abgeschieden im Herzen des Reiches, in Kanton – und natürlich in der Hauptstadt. Robert van Gulik schafft es in jedem seiner Romane mit wenigen Worten die Atmosphäre des jeweiligen Landesteiles einzufangen. Im Kern seiner Beschreibungen steht jedoch immer wieder die chinesische Stadt, die als Sitz der Verwaltung das Herz der Bezirke darstellte. Diese pulsierenden Zentren chinesischer Kultur erfüllt van Gulik, wenn er seinen Richter bei dessen Ermittlungen begleitet, mit prallem, beinahe greifbarem Leben.

Robert van Gulik: „Geisterspuk in Peng-lai, Diogenes, VÖ: 1986
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