Packende Krimis und beißende Gesellschaftskritik aus Schweden

25 Jun

Der erste Auftritt verlief äußerst unspektakulär. Der Leser trifft auf Martin Beck während dieser im Bad seine Zähne putzt und folgt ihm auf dem Weg zur Arbeit durch die Wohnung, vorbei an einem halbfertigen Modell eine Segelschiffs und den Überresten einer nur für kurze Zeit glücklichen Ehe. Der Arbeitsplatz des Mannes ist ungleich spektakulärer als der erste Eindruck vermuten lässt.

Martin Beck ist Beamter, Polizist genauer gesagt; ein erfahrener Ermittler, der in Stockholm bei der Reichsmordkommission arbeitet und als bester Vernehmungsleiter in ganz Schweden gilt.

Martin Beck und ein Mord in der Provinz

Später begleitet der Leser den Polizisten in die Provinz. Dort wurde bei Baggerarbeiten vor einer Kanalschleuse ein Tote gefunden. Die junge Frau, das finden die Ermittler schnell heraus, wurde vergewaltigt und ermordet. Weitaus mühsamer gestaltet sich die Suche nach der Identität der Toten und ihrem Mörder.

„Die Tote im Götakanal“ ist der erste von insgesamt zehn Bänden des schwedischen Autoren-Ehepaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Die beiden Autoren begleiten das Leben ihres Ermittlers von 1964 bis in die Mitte der siebziger Jahre. Dabei erzählen sie nicht nur enorm spannende Kriminalfälle, sondern beobachten ihre Romanfigur auch bei einer mühsamen Emanzipation. Martin Beck ist ein enorm kluger Kopf, ein sehr gute Ermittler, aber eben auch in seiner Beamtenseele gefangen. Bis zum Schluss schwankt er zwischen seiner Treue zum Dienstherren und seiner zunehmenden kritischen Distanz zum System.

Gesellschaftskritischer Romanzyklus von Maj Sjöwall/Per Wahlöö

Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrem Dekalog weit mehr geschaffen als eine Serie hervorragender Krimis, die vor allem durch die Liebe zum Detail bei den Beschreibungen, die glaubwürdige Wiedergabe des Polizeialltages ein enorm hohes erzählerisches Tempo bestechen. Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrer Reihe ein kritisches, zum Schluss vernichtendes Portrait der schwedischen Gesellschaft geschaffen. Vor allem der letzte Band der Serie, „Die Terroristen“, ist weitestgehend eine Farce, eine voller bissiger Ironie triefende Abrechnung mit Staat und Regierung. Davon ist im ersten Band nur ansatzweise zu ahnen. „Die Tote im Götakanal“ ist noch weitgehend gradlinige Kriminalliteratur mit gelegentlichen Seitenhieben auf den bürokratischen Apparat. Das politische der Serie war aber wohl von vorneherein beabsichtigt.

Die Begründer der skandinavischen Schule

Die Autoren und ihr Kommissar sind die wichtigsten Vorreiter der schwedischen Kriminalliteratur, sie haben im Prinzip die (inoffizielle) Schule anspruchsvoller, als Detektivgeschichten getarnter skandinavischer Literatur begründet. Alle bekannten Namen von Mankell bis Larsson ruhen auf dem Fundament von Sjöwall/Wahlöö. Auch die mittlerweile inflationären schwedischen TV-Krimis greifen ihre Ideen auf.

Per Wahlöö, Jahrgang 1926, war studierter Historiker, Mai Sjöwall, Jahrgang 1935, studierte Journalismus. Beide arbeiteten für Zeitungen, Wahlöö konnte ins Autorenteam seine Erfahrungen als Polizei- und Gerichtsreporter einbringen. Beide waren in jenen Jahren überzeugte Kommunisten. Wahlöö ging in den fünfziger Jahren nach Spanien und wurde dort wegen politische Umtriebe ausgewiesen. Nach ihrer Hochzeit 1962 begann die gemeinsame Arbeit an den Kriminalromanen. In dieser Zeit waren sie bekennende Kritiker der schwedischen Gesellschaft und lebten bis zum Tode Wahlöös 1975 als öffentliche Enfants terribles in Stockholm.

 

Tatort:Schweden

Der genaue Blick für das Detail prägt die Martin-Beck-Krimis. Der Kommissar kommt im Land herum – und damit seine Leser. Mai Sjöwall und Per Wahlöö beschreiben die Großstadt genau wie die Provinz. Besonders idyllisch kommt die Heimat ihres Kommissars nicht weg. Die Großstadt ist trist, lebensfeindliche Vororte schnüren Stockholm ein, das einstmals lebenswerte Zentrum wird von wuchernden Betongiganten aufgefressen. Die Provinz ist meist, nun ja, eben Provinz, abgelegen, verstaubt, zurückgeblieben. Das Schweden Martin Becks wird dabei nicht durch umfangreiche Landschaftsbeschreibungen lebendig, sondern durch die Menschen, die es  bevölkern – und dabei ersteht in den zehn Bänden Sjöwall/Wahlöös ein ganzer Kosmos im Roman sehr großartig neu. Viel mehr geht eigentlich nicht.

 

Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Die Tote im Götakanal, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1968

Autor: