Philip Kerr schickt Bernie Gunther erneut auf eine spannende Zeitreise

15 Jul

Kuba, 1954. Carlos Hausner sitzt inmitten der Nachkriegswirren in einem Nachtclub, genauer gesagt in einem Bordell und schlürft entspannt an einem Drink. Ein Idyll? Vielleicht. Wenn, dann keines, das lange währt. Die Besitzerin des Etablissements erpresst den Mittfünfziger, eine junge kommunistische Revolutionärin (und gesuchte Mörderin) mit seinem Boot nach Haiti zu bringen. Von da an gerät der Besitzer eines argentinischen Passes in beträchtliche Schwierigkeiten.

Carlos Haussner ist allerdings Kummer gewohnt. Er musste in den Jahren zuvor für die argentinische Junta arbeiten und für die US-amerikanische Mafia. Hausner scheint das Pech magisch anzuziehen. Kein Wunder, eigentlich ist Hausner Bernhard Gunther, ehedem Berliner Kriminalkommissar mit einem außerordentlich großen Talent, sich Probleme aufzuhalsen.

Ein Polizist, der das Pech scheinbar magisch anzieht

Tatsächlich gerät Hausner, beziehungsweise Gunther, auf seiner Überfahrt von Cuba in die USA an Gegner, die Junta und Mob wie zahme Pfadfinderclubs erscheinen lassen. Die US-Marine bringt Gunthers Boot auf. Der Deutsche gerät in die Hände der CIA. Von da an wird es kompliziert – und für den Ex-Cop lebensgefährlich.

Der US-Autor Philip Kerr jagt seinen liebevoll Bernie genannten Ermittler jetzt bereits zum siebten Mal unbarmherzig durch die deutsche Geschichte. „Field Grey“, was die PR-Strategen etwas unglücklich mit „Mission Walhalla“ übersetzt sehen wollen, heißt das neueste Abenteuer Gunthers.

Bernie Gunther kommt weit herum

Kerr lässt seinen knurrigen Polizisten, der vergeblich versucht moralisch sauber zu bleiben, dabei immer wieder tief im Schlamm wühlt und feststellen muss, dass viel zu viel vom Dreck haften bliebt, weit herumkommen – geographisch wie chronologisch. Berlin, am Ende der Weimarer Republik, Paris nach der deutschen Besetzung, Minsk während des Russlandfeldzuges, ein Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Sowjetunion und die junge Bundesrepublik im Jahr des „Wunders von Bern“ sind die wichtigsten, aber beileibe nicht alle Orte der Handlung.

Philip Kerr schließt damit zum Entzücken seiner treuen Leser Lücken in der Biographie seines Darstellers. In erster Linie aber hat der Brite wieder einen enorm packenden Thriller geschrieben. “Field Grey“ bietet eine raffiniert gewobene Geschichte mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die selbst routinierte Krimi-Leser zu verblüffen vermögen.

Das ist aber auch wenig überraschend, denn bereits mit seiner „Berlin Noir“-Trilogie, dem Ursprung der Romane um Bernhard Gunther, hat Philip Kerr das Genre des historischen Krimis auf ein neues, enorm anspruchsvolles Niveau gehoben.

Philip Kerr plündert hemmungslos die deutsche Geschichte

Der britische Autor taucht dabei tief in die deutsche Geschichte ein, baut hemmungslos bekannte und unbekannte Figuren jener Jahre ein. Reinhard Heydrich spielt eine Rolle – und in „Field Grey“ erstmals auch der spätere Stasi-Chef Erich Mielke. Kerr zeichnet komplexe Figuren, lässt das Leid deutscher Kriegsgefangener in Sibirien genauso auferstehen wie die Misshandlung der Gefangenen im Vichy-Frankreich, vor allem aber die Greueltaten der Nazi-Schergen. Nie jedoch lässt er bei aller Spielerei mit der Geschichte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Blick, gleich von wem sie begangen wurden. Dass sich Bernie Gunther bei seinen ebenso energischen wie hilflosen Versuchen, das Richtige zu tun, immer wieder in der Geschichte verstrickt, macht einen großen Reiz der Serie aus.

 

 

Tatort:Berlin

Berlin ist die Heimat Bernhard Gunthers. Er lebt in einer Seitenstraße des Kudamms, arbeitet im Polizeipräsidium am Alex und kennt jede Kaschemme, jeden Puff, jeden Club im Wedding und anderswo. Gunther ist Polizist im Berlin der untergehenden Republik und der beginnenden Nazizeit und kommt herum. Das Berlin jener Jahre und das zerbombte Berlin der Nachkriegszeit ersteht in „Field Grey“ plastischer auf als je zuvor in den Thrillern Philip Kerrs. Gunther steht prototypisch für die Bewohner der Metropole. Er trinkt massenweise Bier, Schnaps und hat, so Kerr, die „Ausstrahlung eines Friedhofsgräbers“.

Philip Kerr legt weniger Wert auf eine detaillierte Beschreibung. Wichtiger ist es ihm, die Atmosphäre, die Stimmung seiner Schauplätze einzufangen – und das gelingt ihm immer wieder mit höchster Perfektion, sei es beim Kriegsgefangenenlager in Sibirien, sei es im Arbeiterwohnblock im roten Wedding, sei es im verschwenderisch prächtigen Hotel Adlon der Weimarer Republik.  So ensteht, auch ohne den lehrerhaften Ton des Geschichtsprofessors das historische Berlin neu.

 

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95€, VÖ: 15. Juli 2011