Aus Island kommt erneut ein melancholischer Kriminalfall

17 Jul

Alkohol scheint der wichtigste Treibstoff des Lebens im hohen Norden. Das gilt offenbar auch auf Island. Die Bewohner der einsamen Insel im nördlichen Atlantik scheinen bei jeder Gelegenheit hochprozentigem Stoff zuzusprechen. Das trifft, wenn man Aevar Örn Josepsson glauben darf, auf Ganoven genauso so zu, wie auf Polizisten. Jedenfalls greifen seine Figuren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zur Flasche.

Zerstörerische Süchte

Ein besonders schweres Alkoholproblem hat Olafur Aki Bardarson. Im Prinzip verlässt der Mann seine Wohnung nur noch aus zwei Gründen. Zum einen, um Alkohol zu kaufen, und zum anderen, um seinen zweiten Treibstoff zu „tanken“. Bardarson ist süchtig nach dem Wort Gottes, so wie es der zwielichtige Prediger Meister Magnus verbreitet und folgt dessen Predigten im Fernsehen und auf der Bühne. Es ist nicht völlig klar, welche Sucht zerstörerischer wirkt

Die doppelte Droge bekommt Olafur Bardarson schlecht. Er wird ermordet. Das fällt lange Zeit niemandem auf. Erst mit reichlich Verspätung beginnen die Polizisten Stefan, Katrin, Arni und Gudni von der Mordkommission in Reykjavik zu ermitteln. Dass sämtliche Spuren alt und erkaltet sind, macht die Sache nicht gerade einfacher. Dennoch tummeln sich auf den Fluren der Polizei bereits kurze Zeit später scharenweise Verdächtige, und ein mühsames Puzzle auf der Suche nach dem Mörder beginnt.

Eine Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit

Krimis aus Island wohnt meist ein ganz eigener Zauber inne. Es ist wohl diese einzigartige Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit, die beim Leben zwischen Gletschern, Vulkanen und Geysiren entsteht und in die Romane aus dem Norden einfließt.  Das gilt auch für „Wer ohne Sünde ist“ von Aevar Örn Josepsson. Der dritte Roman des Isländers, der einst in Freiburg Philosophie und englische Literatur studierte, nimmt nach einem sperrigen Auftakt spätestens im zweiten Drittel Fahrt auf und entwickelt krimi-gerechte Spannung. Josepsson lässt sich zu Beginn Zeit, das Elend einer gescheiterten, insgesamt zutiefst unsympathischen Existenz zu entwickeln. Das hat Tiefgang, aber das bremst, genau wie die isländischen Namen, die sich  jedes Mal erneut sperrig lesen. Wer Geduld aufbringt, sich durch den Beginn „hindurchzuarbeiten“, wird mit einem soliden Krimi mit gutem Unterhaltungswert belohnt.

 

 

Tatort:Island

Es leben nicht besonders viele Menschen auf Island. Knapp 350.000 Inselbewohner kommen auf über 100.000 km2 zurecht (Im Vergleich: Im Bayen leben auf 70.000 km2 über zwölf Millionen Menschen). Es gibt also jene Menge einsame Stellen auf der Insel. Je nach charakterlicher Disposition leiden oder erfreuen sich Josephssons Figuren an Vulkan- und Geröllwüsten. Nicht jeder Isländer, so die Botschaft es Autors, ist ein Naturbursche. Viel mehr erfährt der Leser nicht über die Schönheit Islands. Josephsson verzichtet weitgehend auf eine ausgreifende Schilderung seiner Heimat. Ihm sind die Binnenorte, das geistige Klima seiner Handlung wichtiger – und das sieht beinahe genauso trist, wenn nicht gar schlimmer, als ein abgelegenes Geröllfeld aus. Triste Sozialbauten und spießige Wohnklötze eines kleinbürgerlichen Mittelstandes bestimmen die Szenerie in „Wer ohne Sünde ist“. Gescheitert scheinen sie alle, die einen ganz offensichtlich, die anderen unsichtbar, aber kaum weniger trist, so als würde eine riesige, dunkelgraue Wolke aus Vulkanasche jegliche Lebensfreude ersticken. Das klingt traurig, ist aber – als literarisches Konzept – in der richtigen Dosierung sehr unterhaltsam.

Aevar Örn Josepsson, Wer ohne Sünde ist, btb, 9,99€

VÖ: Juli 2011