Ein Journalist muss in italienischen Gewässern im Trüben fischen

23 Jul

Das Zwitschern eines Vogels, das Rauschen eines Flusses das gleichmäßige Klackern der Absätze einer elegant dahingleitenden Frau. Geräusche können überraschend sein, spannend, bisweilen sogar betörend. Für Kaspar Lunau sind sie nur noch eine Last. Eine rätselhafte Krankheit lässt ihm jede Geräuschkulisse zum bedrohlichen Klangbrei, beinahe Schädel sprengende Belastung werden. Ein echtes Handicap für jemanden, der beim Radio arbeitet, und erst recht für einen investigativ arbeitenden Journalisten. Natürlich stürzt sich der Mann allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch ohne nachzudenken in alle möglichen Abenteuer.

Eine Mauer des Schweigens

Ein Anruf genügt und Lunau setzt sich in den Flieger nach Italien. Eine junge Frau hatte ihn angerufen, von einem mysteriösen Mord erzählt und ihn so nach Ferrara gelockt. Damit fangen die Probleme für Kaspar Lunau an. Der Fall ist kompliziert, verborgen hinter einer Mauer des Schweigens. Zudem ist die junge Frau, die ihn rief –  wie junge Frauen nun einmal gelegentlich so sind – eher kapriziös-kompliziert. Zu allem Überfluss trachten ihm Unbekannte nach dem Leben.

Es dauert nicht lang, und der deutsche Journalist gerät in einen mörderischen Strudel von Gier, Gewalt und Korruption. Kaspar Lunau muss an den Ufern des Po, so will es sein Schöpfer Christian Försch, beinahe buchstäblich im Trüben fischen: „Aqua Mortale“, tödliches Wasser, heißt das Debüt des Italienkenners, das, so schreibt der Autor, zugleich Auftakt einer neuen Serie werden soll.

Debüt eines Italienkenners

Der Autor kennt sein Italien, das ist deutlich zu erkennen. Die Beschreibungen sind präzise, die Gassen Ferraras, die Ufer des Flusses, Schleusen und Wehre erstehen äußerst lebendig. Försch hat zudem einen interessanten Plot mit Wendungen erdacht, die auch den anspruchsvollen Krimileser zufrieden stellen können. Dennoch hinterlässt „Aqua Mortale“ ein zwiespältiges Gefühl.  Försch, selber Journalist und Filmemacher, hat, wie es Aufgabe seines Berufsstandes ist,  sorgfältig recherchiert. „Aqua Mortale“ strotzt vor Präzision, die man manchem aufstrebendem Politiker bei seinem Verfassen seiner Doktorarbeit wünschen würde. Allerdings leidet darunter das Tempo. Der Erstling Förschs ist so zwar durchaus gelungen, aber wegen manches akribisch aufgeschriebenen Nachweises intellektueller Durchdringung von Land und Leuten insgesamt etwas zu lang. Das wirkt sehr klug, aber auch – ein Phänomen, das insbesondere bei deutschen Autoren gelegentlich zu beobachten ist – streberhaft, als müsste der Autor auf jeder Seite den Beweis seines Könnes antreten. Das gelingt. Dennoch wäre gelegentlich etwas mehr Schlamperei, etwas mehr Coolness wünschenswert.

 

Tatort:Ferrara

Christian Försch lebt in Ferrara. Das merkt man. Es gelingt dem Mittvierziger, beinahe perfekt das Flair einer italienischen Stadt einzufangen. Hier sind es Lunaus präzise Beobachtungen, die dem literarischen Ort Leben einhauchen.  Das heruntergekommene Fußballstadion, die abgelegenen Wiesen vor den Toren der Stadt, der verblichene Charme historischer Gebäude in verwinkelten Gassen, die Tristesse von Sozialwohnungen – all das lebt in „Aqua Mortale“ und verströmt italienisches Lebensgefühl und gehört zu den größten Stärken des Buches.
Ferrara, in der Po-Ebene gelegen, ist eine Renaissance-Stadt, die zwar schon im 8. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, aber erst durch die Herrschaft des Fürstengeschlechts der Este Berühmtheit erlangte. Einer der herrschaftlichen Baumeister jedenfalls erweiterte einst den Stadtkern. Dieser frühe Akt organisierter Stadtplanung begeistert noch heute. Die Altstadt Ferraras ist Weltkulturerbe der Unesco – und auch deshalb eine prima Kulisse für Krimis mit italienischem Flair.

Christian Försch, Aqua Mortale, Aufbau Verlag, 12,99

VÖ: 25. Juli 2011