Malin Fors soll einen Mörder jagen und ist selber eine Getriebene

24 Jul

Malin Fors kämpft. Sie ringt mit Verbrechern, Dämonen der Vergangenheit und einem beträchtlichen Alkoholproblem. Es ist schwer zu sagen, welcher Kampf der Polizistin mehr abverlangt. Einen ihrer Gegner kennt sie, einen ahnt sie, einen verleugnet sie lange Zeit.

Bei allen Problemen ist Fors eine gute Ermittlerin. Im weitgehend unbekannten Linköping, im Herzen Schwedens, hat die Kriminalbeamtin einen hervorragenden Ruf. Sie kann sich trotz aller persönlicher Probleme in Verbrecher und Opfer hineinfühlen und „hört die Stimmen“ ihre Fälle. So geht ihr das auch bei ihren aktuellen Ermittlungen.

Tod eines neureichen Widerlings

Im Burggraben eines hochherrschaftlichen Schlosses treibt ein Toter. Das Opfer ist ein besonders unangenehmer Zeitgenosse. Jerry Petersson war innerhalb kurzer Zeit zu sehr viel, beinahe unanständig viel Geld gekommen. Sein Vermögen hat er mit wenig Skrupeln und auf Kosten anderer zusammengehäuft. Freunde hatte der Mann, das finden die Ermittler schnell heraus, jedenfalls keine. Eher schon einen Haufen Feinde, beispielsweise den alten Adel, dem er das Schloss abkaufte – und mit dessen Familienmitgliedern der Tote, wie sich alsbald herausstellen soll, eine lange, gemeinsame Geschichte verbindet.

Ermittlerin auf einem absteigenden Ast

Der schwedische Autor Mons Kallentoft schickt seine Ermittlerin Malin Fors mittlerweile zum dritten Mal auf Mördersuche. Die Polizistin befindet sich privat in einer deutlich abwärts zeigenden Spirale. Sie hat einen Überfall auf ihre Tochter nicht verwunden. Sie trinkt und funktioniert nur noch mühsam. Ihre Familie zerbricht daran. Auch die Arbeit beginnt zu leiden. Dennoch findet sie sich in dem Gestrüpp aus Klassenkonflikten, Familiendramen und Intrigen einigermaßen zurecht.

Mons Kallentoft ist mit „Blutrecht“ ein interessanter Krimi gelungen. Insbesondere der Kampf seiner Kommissarin gegen sich selber, ihre Unfähigkeit zur Kommunikation, ihre fortschreitende Selbstzerstörung birgt – bereits ohne Mordermittlung – eine enorme innere Spannung. Kallentoft hat anders als viele andere skandinavische Autoren, die bei ihren Krimis meistens die gesamtgesellschaftlichen Zustände betrachten, eher eine Art geistiges Kammerspiel geschaffen.  Die Spannung entsteht vor allem in den Köpfen der handelnden Personen, zu denen – das sei als Warnung für den ausschließlich rational denkenden Leser vorausgeschickt – gelegentlich auf die Toten gehören. Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit einem sehr spannenden, im besten Sinne tiefgründigen Krimi belohnt.

 

Tatort:Linköping

Es sind wenige Orte, die „Blutrecht“ bestimmen. Mons Kallentoft beschreibt Linköping, immerhin die siebtgrößte Stadt Schwedens, als einen eher blassen Ort mit kleinbürgerlicher Ausstrahlung. Die Einwohner der Industrie- und Universitätsstadt  leben meist in biederen Wohnungen und dürfen, so der Autor, durchaus als provinziell bezeichnet werden.

Obwohl der Mittvierziger wenige Worte über die Stadt verliert, ist sie gut greifbar. Die Wohnungen der Akteure, das Kommissariat und das Schloss, in dem der Tote gefunden wird, sind derartig gut skizziert, dass zumindest die fiktive schwedische Stadt greifbar zum Leben erweckt wird. Das Linköping Kallentofts ist eine solide, scheinbar heile bürgerliche Welt, der bei genauem Hinsehen jedoch schnell die Abgründe ansieht, die unter der Oberfläche warten.

Mons Kallentoft, Blutrecht, Wunderlich, 19,95 €

VÖ: 15. Juli 2011