Massimo Carlotto brilliert über Liebe und Leid in der Welt der Ganoven

30 Jul

Der serbische Geschäftsmann und Mafioso hält auch im Angesichts des Todes treu zu seiner Sekretärin und Geliebten. Der Polizist kämpft um seine Braut, eine drogensüchtige Prostituierte. Der Schmuggler und Auftragskiller watet für seine Freundin, eine zwielichtige Tänzerin, beinahe buchstäblich  knöcheltief durch Blut. Sie alle verbindet die „Banditenliebe“, jene Seelenlage, die auch den härtesten Typen weich werden lässt. Es ist kein romantisches Gefühl, der Himmel hängt nicht voller Geigen, ein Happy-End ist selten – und wenn dann jenseits jeglicher Hollywood-Vorstellungen. Und doch ist diese skurrile Liebe unter gescheiterten Existenzen im schlammig-grauen Bodensatz der Gesellschaft trotz Lüge und Betrug wahrhaftig, innig und herzergreifend.

Ein ungleiches Trio auf Rachefeldzug

Diese Banditenliebe ist es auch, die die Handlung im gleichnamigen Roman von Massimo Carlotto vorantreibt. Sylvie, die Freundin des alternden Schmugglers Beniamino wird entführt – und, wie sich herausstellen soll, von ihren Peinigern über einen lange Zeitraum vergewaltigt und gebrochen. Beniamino versucht, unterstützt vom  Ex-Aktivisten Max und der gescheiterten Existenz Marco Buratti, Carlotto-Lesern auch als der „Alligator“ bekannt, zunächst seine Freundin zu befreien und später zu rächen.

Das ungleiche Trio bewegt sich auf gefährlichem Terrain, denn die Gegner gehören der serbischen beziehungsweise kosovarischen Mafia an. Da gilt es mit harten Bandagen zu kämpfen. Die drei unfreiwilligen Rächer machen sich dabei regelmäßig die Hände schmutzig. Die Umstände sind halt so. Das nordöstliche Italien des Romans befindet sich erstens weitgehend in der Hand ehemaliger, zu  finsteren Mafioso mutierten Schergen des untergegangenen jugoslawischen Regimes und ist überdies bis ins Mark korrupt. So lassen sich, wenn man Carlotto folgt, selbst diejenigen Polizisten schmieren, die ernsthaft Verbrecher jagen.

Die Grenzen zischen Gut und Böse verschwimmen

In „Banditenliebe“ sind mit Mord, Drogenhandel, Raub und Erpressung so ziemlich alle Untaten versammelt, die sich ein krimineller Geist auszudenken vermag. Gut und Böse unterscheiden sich nur durch eine schwammige unsichtbare Grenze, die die Bösen immerzu, die Guten nur unter großen Skrupeln überschreiten. Für den Leser ist das aus der sicheren Distanz des heimischen Wohnzimmers äußerst vergnüglich. Carlotto, der selber einst jahrelang auf der Flucht vor der Polizei war, unschuldig wegen Mordes im Gefängnis saß und  durch seine Figur des politischen Exhäftlings autobiographische Elemente einfließen lässt, ist ein ungeheuer dichter Roman gelungen. Dessen Reiz liegt auch darin, dass der Autor die schlimmsten Abgründe verbrecherischer Seelen in einem beinahe lockeren Plauderton beschreibt. Dieser anfangs etwas gewöhnungsbedürftige Stil, der Leichtigkeit mit einem hohen Tempo und Präzision kombiniert,  steigert jedoch die Spannung ungemein.  Dass Carlotto ganz nebenbei auch noch das unermessliche  Universum der Liebe in all ihrer Unmöglichkeit und gleichzeitigen Ewigkeit in seinem Roman untergebracht hat, macht das Lesevergnügen perfekt.

 

Tatort:Norditalien

In Padua leben etwas mehr als 200000 Menschen. Ihre Größe und Lage im Nordosten Italiens  machen die Stadt zum idealen Einfalltor für alle, die aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Italien wollen. Im Padua von Massimo Carlotto sind das viele – und sie haben jede Menge Unheil im Gepäck. Auf diesen  Ballast – Drogen, Waffen und ähnliches – beschränkt der Autor seine Beschreibungen. Der idyllischen Altstadt, den Sehenswürdigkeiten oder dem Umland widmet Carlotto nur wenig Worte. Für die Charakterisierung der Heimat seiner Figuren müssen einige wenige, kaum vertrauenserweckende Spelunken und Cafés herhalten. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, schließlich hat Carlotto einen Krimi und keinen Reiseführer geschrieben. Dennoch schafft der Mittfünfziger es, die Atmosphäre der Region nachvollziehbar einzufangen. Dass ihm das ohne viele Worte zu verlieren gelingt, macht die große Qualität seines jüngsten Krimis aus.

 

Massimo Carlotto, Banditenliebe, Tropen, 17,95 €

VÖ: Juli 2011