Lisa Gardners „Ohne jede Spur“: Eher einfach gehaltene Krimikost

1 Aug

Sandra, Jason und ihre Tochter Ree sind eine amerikanische Vorzeigefamilie. Jason arbeitet als Journalist, Sandra als Lehrerin und das Töchterlein ist altersgerecht einfach nur süß: Das Trio lebt in einem der besseren Bostoner Vororte. Die Familie hat Freunde, vor allem Sandra gilt als beliebt.

Dann aber verschwindet die Ehefrau und Mutter spurlos. In Verdacht gerät alsbald der Ehemann. Langsam beginnt die Fassade des gelebten amerikanischen Traumes zu bröckeln. Die Ermittler um Sergeant Detective D.D. Warren fördern bei ihren Untersuchungen so manches dunkle Familiengeheimnis ans Tageslicht. Auch die scheinbar so unkomplizierte Ehefrau, das vermeintliche Opfer, ist längst nicht so perfekt wie es auf den ersten Blick schien.

Ein Krimi-Kammerspiel

Bis zur Lösung des Falles müssen sich die Polizisten durch manche überraschende Wendung kämpfen und stehen lange Zeit, so will es Lisa Gardner, die sich „Ohne jede Spur“ erdacht hat, eigentlich den größten Teil der Zeit als staunende Beobachter am Rande der Ereignisse.

Die US-Autoren hat bei „Ohne jede Spur“ einen Plot ersonnen, der einige Raffinesse aufweist. Die Geschichte um die Kleinfamilie ist als intensives Kammerspiel konstruiert und verwöhnt mit zahlreichen überraschenden Momenten.

Viele schlicht gezeichnete Figuren

Dennoch ist „Ohne jede Spur“ bestenfalls als zwiespältig zu bezeichnen. Die Figuren sind eher schlicht gezeichnet. Von der Polizistin D.D Warren, einer 38-Jahre alte Frau, erfährt man beispielsweise nur, dass sie natürlich „umwerfend gut“ aussieht, auf All-You-Can-Eat-Buffets steht und sich chronisch unerfüllten Sex-Tagträumen hingibt.

Ähnlich einfallslos ist auch die Beschreibung der Männerwelt. Männer, die wichtig sind, haben beinahe ausnahmslos dunkles, volles Haar (eventuell – das macht sie „interessant“ –  mit grau melierten Schläfen), ein markantes Kinn und einen breiten, zumindest durchtrainieren Brustkorb. Perfiderweise gilt das auch für die „Schurken“, die derart „getarnt“ nicht auf Anhieb zu erkennen sind. Eigentlich sehen sie alle männlichen Figuren aus wie Patrick Dempsey, Schauspieler der US-Serie „Greys Anatomy“. Ehrlicherweise macht sich Gardner irgendwann auch gar nicht mehr die Mühe, ihr Männerbild im Detail aufzuschreiben, sondern verweist nur noch auf „McDreamy“.

„Ohne jede Spur ist also ein spannender Krimi, aber einer von sprachlicher und kreativer Schlichtheit, den ausgemachte Fans des Genres wegen seines Tempos zu schätzen wissen, Freunde gut geschriebener Kriminal-Literatur aber mit einem empörten Seufzer zur Seite legen werden.

 

 

Tatort: Boston

Lisa Gardner hat eher ein Kammerspiel verfasst. Größere Erkenntnisse über Bosten sind aus „Ohne jede Spur“ nicht zu gewinnen. Die Stadt scheint austauschbar, die Geschichte könnte in jeder US-amerikanischen Großstadt bzw. ihren Vororten spielen. Interessanter sind daher die unmittelbaren Schauplätze. Das Haus der Familie Jones erscheint als stereotypes Heim einer US-amerikanischen Durchschnittsfamilie. Wer also wissen will, wie „der Amerikaner“, wie man sich ihn  einst in den Köpfen der weißen Mittelschicht (und in Hollywood) idealisierte, so lebt, wird im Krimi von Lisa Gardner einige Erkenntnisse ziehen können.

Lisa Gardner, Ohne jede Spur, Rowohl, 9,99€

VÖ: 1. August 2011