„Der Federmann“ von Max Bentow ist ein rundum gelungenes Debüt

8 Aug

Es gibt Krimis, die überzeugen durch ihren raffinierten Plot. Andere begeistern, weil sie durch die Eleganz der Sprache auffallen, wieder andere, weil sie gesellschaftliche Zustände erklären und mehr sind „mehr“ als ein Kriminalroman. Und dann gibt es da noch die Krimis, von denen man noch nicht einmal genau sagen kann, was ihre außerordentliche Faszination ausmacht, die man aber nicht zur Seite legen kann, bis man die Auflösung erfahren hat.

Ein Plot mit sehr hohem Tempo

„Der Federmann“ von Max Bentow gehört in diese Kategorie. Das ist deshalb bemerkenswert, weil diese „Pageturner“  in der Regel im angelsächsischen Raum entstehen. In den USA und Großbritannien verstehen sich die Autoren darauf, Bücher zu schreiben, die den Plot mit einem extremen hohen Tempo vorantreiben und dabei eine enorm fesselnde Spannung entwickeln. Alles andere wird dem untergeordnet.

Dass Max Bentow einen Thriller geschrieben hat, der diese Merkmale aufweist, spricht für die Qualität des neuen Autoren auf dem Krimimarkt.

Jagd nach einem Serienmörder

Die Geschichte ist eher dabei eher einfach. Ein Serienmörder geht in Berlin um und ermordet Frauen. Der Täter geht äußerst brutal vor, foltert und verstümmelt seine Opfer. Am Tatort hinterlässt der Mörder zudem stets einen toten Vogel.  Kommissar Nils Trojan beginnt zu ermitteln und gerät bald selber in das Visier des Serienmörders. Das ist zugegeben nicht sehr originell, aber in diesem Fall außerordentlich gut erdacht.

Auch der „Federmann“ kann seine Heimat nicht völlig verleugnen. Deutsche Krimis der jüngsten Zeit weisen zwei eher merkwürdige Gemeinsamkeiten auf. Die Autoren neigen zu deutscher Gründlichkeit und beschreiben bis ins letzte Detail. Außerdem haben die Ermittler oder ihre Angehörigen, seltene, extrem merkwürdige Krankheiten. Vermutlich liegt beides daran, dass die Autoren häufig Journalisten sind und Belege ihres angelesenen Wissens und ihrer gründlichen Recherche abliefern müssen. Leider geht das allzuoft zu Lasten des Tempos.

Typisch deutsch?

Auch Max Bentow erliegt (teilweise) dieser doppelten Versuchung. Am Anfang verliert er sich bei seinen Szenen in zu viele Details und sein Kommissar leidet unter einer Angststörung mit regelmäßigen Panikattacken. Deshalb besucht der Polizist sogar eine Therapeutin. Hier enden die Gemeinsamkeiten mit anderen deutschen Krimis. Der „Federmann“ nimmt spätestens ab dem zweiten Viertel gewaltig Fahrt auf, und die Leiden des Kommissars und der Gang zur Therapeutin sind wichtiger Bestandteil der Handlung. Hier hat die erdachte Krankheit der Hauptfigur tatsächlich einen literarischen Sinn.

„Der Federmann“ ist ein gelungenes Debüt: Ungewöhnlich spannend und bis zum Schluss fesselnd. Die Ankündigung der PR-Strategen des Verlages, das ein Roman den Auftakt zu einer „neuen Krimiserie“ bilde, muss ja leider allzu oft als Drohung verstanden werden. Bei Max Bentow stimmt das den Krimi-Leser tatsächlich neugierig.

 

 

Tatort:Berlin 

Max Bentow, eigentlich Schauspieler und Dramatiker ist Berliner. Er kennt also seine Stadt. „Der Federmann“ spielt im südlichen Zentrum der Hauptstadt. Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln sind die Zentren des Romans. Der Kommissar bewegt sich mit dem Fahrrad durch die Straßen, die Wegbeschreibungen sind so genau, dass man die Wege, die der Ermittler nimmt, problemlos nachfahren könnte. Der Mittvierziger Bentow fängt die Stimmungen, die in den jeweiligen Kiezen zu spüren ist, gut ein. Die intellektuelle Bürgerlichkeit Schönebergs ist genau so glaubwürdig wie der Völkergemisch Kreuzbergs und die latenten Hoffnungslosigkeit das beinahe schon Stadtrandbezirkes Neukölln. Das Berlin Bentows zeigt einen realistischen Querschnitt. Es ist weder die Hochglanzmetropole der Neuen Mitte noch das Elendsquartier der Plattenbauten – und auch das ist, angesichts dessen, was mit Berlin in den vergangen Jahren literarisch bisweilen veranstaltet wird, sehr sympathisch.

Max Bentow, Der Federmann, Page&Turner, 14,99€

VÖ: 8. August 2011