Ein perfektes Duo: Georges Simenon und Kommissar Maigret

11 Aug

Das waren noch Zeiten. Zur Pause ließ der Kommissar für seinen Assistenten und sich an langen Arbeitstage belegte Baguettes und Bier kommen. Nicht eins, sondern gleich drei, natürlich. Überhaupt gab es rein dienstlich reichlich Gelegenheiten zum trinken.  Absinth, Weißwein, Bier – und als Mittel gegen Kälte – auch den einen oder anderen Cognac.
Kommissar Maigret hatte kein einfaches Leben als Ermittler, aber der begeisterte Pfeiferaucher lebte, zumindest was die Duldung kleinerer Laster anging, in seligen Zeiten. 1929 betrat der hünenhafte Ermittler erstmals die literarische Bühne.

Unorthodoxe Ermittlungsmethoden

Gleich in seinem ersten Fall muss sich Maigret mit einer Art internationaler Verbechersyndikat auseinandersetzen: „Pietr der Lette“ leitet eine Verbrecherorganisation, die europaweit operiert, vermögende Bürger um ihr Geld bringt und auch vor Mord nicht zurück schreckt. Der Kommissar, den sich der belgische Schriftsteller Georges Simenon erdachte, hat dabei unorthodoxe, aber nichts desto trotz erfolgreiche Ermittlungsmethoden. Die Polizisten rücken den Verbrechern ganz schlicht beinahe buchstäblich auf die Pelle, folgen all ihren Bewegungen auf Schritt und Tritt, um sie so nervös zu machen und zu verräterischen Fehlern zu verleiten.  Natürlich stellt sich im Verlauf heraus, dass Verbrecher doch nicht so einfach denken, wie sich das die Bürohengste in den Polizeizentralen so ausdenken. Auf Maigret, der sich seinen Fällen stets mit Haut und Haar verschreibt,  jedenfalls wartet kriminalistische Schwerstarbeit.

Ein Polizist mit viel Verständnis für Missetäter

Die Reihe um den Pariser Ermittler mit dem großen Verständnis für alle gescheiterten Seelen erhält ihren besonderen Reiz dadurch, dass sie für uns heute in einer komplett anderen Welt spielen: Über 80 Jahr steht der erste Band der Reihe, „Maigret und Pietr der Lette“ jetzt schon in den Buchhandlungen. Elektrisch Licht, Telefon und Taxi waren noch erwähnenswerte Besonderheiten. In Maigrets Büro sorgte noch ein handbefeuerter Ofen für angenehme Wärme. (Den er auch in Zeiten nach der Einführung einer Zentralheizung behalten sollte) International wurden gelegentlich über die nagelneue Organisation „Interpol“ Telegramme ausgetaucht.

Enorm intensive und glaubwürdige Krimis

Das Paris Maigrets wirkt nostalgisch bis exotisch, ersteht aber in den Beschreibungen Simenons vibrierend zu Leben und wirkt trotz der zeitlichen Ferne sehr vertraut. Deshalb „funktionieren“ die Kriminalromane Simenons bis heute hervorragend. Die Zeiten waren andere, die Umstände gelegentlich faszinierend skurril, aber die Sehnsüchte, Wünsche und Motive der Menschen haben sich in 82 Jahren nicht wirklich verändert- und damit auch nicht die Intensität und Glaubwürdigkeit der Maigret-Krimis.
„Pietr der Lette“ ist der erste von insgesamt 75 Maigret-Romanen, die den Weltruhm von Georges Simenon begründen. Ganz „nebenbei schuf der schreibwütige Belgier noch 120 Romane jenseits des Maigret-Universums.

Die Entstehung des Krimi-Erstlings ist dabei so faszinierend wie sein „Schöpfer“ selber, der 1903 in Lüttich geboren wurde und 1989 in Lausanne verstarb. Wenn man dem Autor glauben darf, entstand der „Lette“ in vier Tagen an Bord einer Yacht im Hafen von Amsterdam.  Das erscheint insofern glaubwürdig, als Simenon bis dahin sein Geld als Autor von schnell verfassten Groschenromanen verdiente. Die Maigret-Premiere war der erste Versuch, einen literarischen Kriminalroman zu schreiben – und der erste Roman, den Simenon nicht unter einem Pseudonym veröffentlichte.

 

Tatort:Paris

Kommissar Maigret ermittelt in Paris. Oft sucht er vornehme Orte auf, muss sich in Hotels oder der Oper einquartieren und wirkt dort meist wie ein Fremdkörper. Zumindest versucht ihn das Personal des öfteren abzuwimmeln. Das Paris Maigrets befindet sich auch eher in den Seitenstraßen, im Café um die Ecke, in der kleinen Bar des einfachen Volkes. Hier fühlt sich der Kommissar wohl, hier fängt Simenon die Stimmung des Pariser Alltagslebens perfekt ein. Die französische Hauptstadt Simenons ist ein historischer Ort. So sollte man insbesondere die frühen Maigret-Romane auch lesen. Die Beschreibungen heruntergekommener Mietskasernen jedenfalls geben einen guten Einblick ins Paris der Vorkriegszeit. Der Glanz, die Pracht, aber eben auch die Hoffnungslosigkeit, die Tristesse jedenfalls sind so eindringlich beschrieben und haben eine derart überzeugende innere Wahrhaftigkeit, dass man sie auch heute bei einem Paris-Besuch wiederentdecken kann – wenn man so genau hinschaut, wie das Georges Simenon und sein literarischer Begleiter Jules Maigret einst taten.

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette, Diogenes, 9 €

VÖ: 1929 (D 1959)

Einen Text von mir zum Buch gibt es auch auf dem WLG