Ein Krimi aus der Frontstadt des Kalten Krieges

13 Aug

Ein Szenario des Schreckens: Mitten im Kalten Krieg beschließt eine kleine Gruppe innerhalb des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA, dass es Zeit wird, die Konfrontation mit der UdSSR auf ein neues Niveau zu heben. Eine raffinierte Verschwörung soll den nach Ansicht der Hardliner schlaffen Präsidenten John F. Kennedy in eine offene Konfrontation mit der sowjetischen Führung treiben. Als passender Ort für die Eskalation wählen die Kriegstreiber die Frontstadt Berlin.

Die letzten Stunden vor dem Mauerbau

In dieses Szenario schickt Uwe Klausner seinen Berliner Kriminalpolizisten Tom Sydow. Der erfahrene Ermittler stößt bei einem Mordopfer, das in einem S-Bahnwagen gefunden wird, auf zahlreiche Ungereimtheiten. Als immer weitere Tote auftauchen, und Sydow und sein Team immer weitere Hinweise auf Manipulation entdecken, spitzt sich die Situation zu. Die deutschen Polizisten müssen sich nun mit Geheimagenten aus beiden Lagern auseinandersetzen. Die Uhr tickt zum Ultimatum. Der Bau der Mauer, dass allerdings weiß der Kommissar zu Beginn nicht, ist nur noch wenige Stunden entfernt.

Das „Kennedy-Syndrom“ von Uwe Klausner“

„Kennedy-Syndrom“ heißt der Roman von Uwe Klausner, der pünktlich zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August erscheint und munter mit Spekulationen zum Thema „Wer wusste was“ spielt. Klausner webt dazu Handlungsstränge in den USA und Berlin zusammen. Weder der CIA, noch der US-amerikanische Präsident noch die Westberliner Polizeiführung kommen dabei besonders gut weg.

Der Kriminalroman Klausners hinterlässt nach der Lektüre allerdings zwiespältige Gefühle. Klausner vermag es eine Geschichte zu erzählen, die Verdichtung der Handlung auf die wenigen letzten Tage vor dem Mauerbau gelingen ihm zur spannenden Geschichtsstunde. Dennoch wirkt das Thema, ein Agententhriller, der in den sechziger Jahren spielt, leicht angestaubt.

Marken und Moden der sechziger Jahre

Das gilt auch für die Sprache. Klausner stattet seine Akteure mit dem Wortschatz jener Jahre aus. Das ist sehr anfangs sehr amüsant, auch weil der Autor Moden, Marken und Begriffe der Sechziger wieder ausgräbt und liebevoll inszeniert. Aber leider verwendet er diesen Stil auch für seine eigenen Beschreibungen – und das wirkt mitunter altbacken. Als Berlin-Krimi oder für Freunde historischer Momentaufnahmen ist „Das Kennedy-Syndrom“ dennoch sehr gut geeignet.

 

Tatort:Berlin

Das Berlin des „Kennedy-Syndroms“ ist das alte Westberlin. Die Stadt ist geteilt, aber noch offen. Die Figuren halten sich daher an Plätzen auf, die in jenen Jahren – und eigentlich bis zum Fall der Mauer – zentral für das Leben im Westteil der Stadt waren, heute jedoch an den Rand der Wahrnehmung gedrängt sind, auch weil sich das Zentrum wieder Richtung Osten verschoben hat. Uwe Klausner lässt dieses „alte“ Berlin als in Charlottenburg, Schöneberg und Zehlendorf noch das Herz der Stadt schlug, wieder auferstehen. Beim Lesen ergeben sich – zumindest für den Leser, der jene Mauerjahre bewusst miterlebt hat – zahlreiche Déjà-Vu-Erlebnisse. Für sie, aber ganz besonders für die Nachgeborenen das „Kennedy-Syndrom“ vielleicht weniger ein Krimi: Das Kennedy-Syndrom ist nicht nur für eine politische Zeitreise geeignet sondern auch als historischer Stadtführer.

 

Uwe Klausner, Kennedy-Syndrom, Gmeiner, 11,90 €

VÖ: 13. August 2011