Thomas Enger liefert im besten Sinne des Wortes solide Krimikost

22 Aug

Ein Waldstück bei Oslo. Ein Spaziergänger entdeckt dort am frühen Morgen zufällig ein Zelt. Darin liegt eine Frauenleiche, grausam zugerichtet. Sie wurde ausgepeitscht, gesteinigt und zerhackt. Die Ermittler gehen schnell von eine Ehrenmord aus, ausgeführt nach den Gesetzen der Scharia, dem islamischen Gesetzeskodex des Islam. Die Polizisten folgen dem Reflex der jüngsten Zeit, ein unerklärliches Verbrechen schnell Moslems zuzuschreiben.

Beinahe von der Realität eingeholt

Thomas Enger, der „Sterblich“ schrieb, hat mit dieser Idee für seinen Krimi dabei beinahe die Wirklichkeit vorweggenommen. Bei den brutalen Anschlägen von Oslo und Utöya gingen Polizisten und selbsternannte Experten ebenfalls sehr schnell zunächst von „Moslemextremisten“ als Täter aus. Es war dann doch ein offenbar geistesgestörter und politisch verwirrter Norweger.

Zum Glück für Thomas Enger ist dieser Anfangsverdacht die einzige Parallele zur grausamen Realität. Man kann den Krimi lesen, ohne permanent an den Schrecken von Norwegen erinnert zu werden.

Ermittler und Gejagter zugleich

Dass im Roman der angenommen islamischen Hintergrund der Täter ein Irrweg ist, vermutet recht bald Henning Juul. Der erfahrene Online-Journalist merkt bei seinen Recherchen im Umfeld des Opfers, dass mehr hinter der Tat stecken muss – und er soll recht behalten.

Leicht fällt Juul seine Arbeit nicht. Er ist zumindest innerlich beinahe so verstümmelt wie das Opfer, über das er schreibt. Das sichtbarste Zeichen sind Brandnarben im Gesicht und Verwundungen am Körper. Schlimmer jedoch sind die Dämonen, die ihn treiben, seit er seinen Sohn bei einem Brand verlor, weil es ihm nicht gelang, sein Kind aus der brennenden Wohnung zu retten. Auf den Fall mit der Frauenleiche stößt er an seinem ersten Arbeitstag nach dem tragischen Unglück, und so richtig will es ihm noch nicht gelingen, wieder ins Leben zurückzukehren.

Thomas Enger liefert ein solides Debüt aus Norwegen

Der Norweger Thomas Enger hat mit Henning Juul einen interessanten Charakter geschaffen, dem man trotz aller Tragik gerne durch dessen Leben folgen mag. Sein Leiden, seine vergebliche Suche nach Normalität nach einem schweren Verlust sind glaubwürdig erzählt und ein guter „Rahmen“ für einen insgesamt sehr spannenden Kriminalroman.

Dem Debüt des Norwegers fehlt vielleicht die Vielschichtigkeit, die Komplexität, die bei anderen extrem erfolgreichen Krimis aus Skandinavien zu finden ist. Enger zeichnet weder ein düsteres Bild der Gesellschaft wie Henning Mankell das gerne tat, noch konstruiert er ein Universum der Verschwörung wie es Stieg Larsson so meisterlich vormachte. Thomas Enger hat schlicht einen Krimi erdacht, der um Opfer, Ermittler und der Suche nach den Tätern kreist – und das ist ihm außerordentlich gut gelungen. „Sterblich“ ist so im besten Sinne des Wortes „solide Krimikost“, ein unprätentiös und präzise aufgeschriebener Kriminalroman, der seinen Leser fesselt, so dass man ihn bis zur Auflösung nicht mehr aus der Hand legen mag. Und ein viel größeres Lob für einen Krimi gibt es doch eigentlich nicht.

 

Tatort:Norwegen

Thomas Enger fokussiert in „Sterblich“ ganz auf seinen Ermittler Henning Juul. Dass der Roman in Oslo handelt, spielt eigentlich keine größere Rolle. Die Stadt scheint austauschbar. Eher schon ist  als geographischer Bezugspunkt eine skandinavische Mentalität zu spüren, die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen eines idyllischen, von den Problemen Zentraleuropas doch etwas abgelegenen Landes. Wie viele andere skandinavische Krimis durchweht dazu eine melancholische Grundstimmung auch „Sterblich“. Es schimmert, wenn man so will“, ein konservativer Subtext durch die Seiten, ein permanentes Bedauern darüber, dass das Gute, Bewährte untergeht. Die Neuerung, der Fortschritt wirken beinahe als Bedrohung. Das äußert sich oft nur in Details, scheint aber eine Grundangst im hohen Norden. Auch diese Umrisse einer Stimmung beschreiben auch ohne wortreich formulierte Details über Straßen, Häuser und Plätze einen Tatort sehr genau.

Thomas Engler, Sterblich, Blanvalet, 14,99€

VÖ: 22. August 2011