Sandro Veronesis „XY“ ist ein verwirrendes Mysterienspiel

28 Aug

„XY“ von Sandro Veronesi ist kein Krimi im eigentlichen Sinne. „XY“ ist eher ein Mysterienspiel, ein höchst verwirrender Roman. Es gibt keine Ermittler, im Prinzip keine Handlung und erst recht keine Auflösung. Der Roman kreist auf  knapp 400 Seiten um ein schreckliches Ereignis.

Grausiger Fund in einem Bergdorf

In einem Wald nahe eines abgelegenen italienischen Bergdörfchens werden an einem kalten Wintertag elf Leichen gefunden. Diese Leichen weisen abgesehen vom Fundort keine Gemeinsamkeiten auf. Es sind Männer und Frauen dabei, auch Kinder. Einige weisen Spuren von Gewalt auf, einige scheinen rein zufällig gestorben, andere durch Unfälle. Ein Opfer wurde sogar laut Obduktionsbefund Opfer eines Hai-Angriffs – und zwar eines Hais, der seit 200 Jahren ausgestorben ist. Der schreckliche Tod der elf löst zunächst hektische Aktivitäten der Behörden aus und dann Bemühungen, die ganze Angelegenheit zu vertuschen.

In dem abgelegenen Dorf versuchen ein Pfarrer und eine Psychologin das Mysterium zu verstehen. Die beiden müssen sich dabei zum einen mit den Bewohnern des Dorfes und zum anderen mit sich selber auseinandersetzen. Beides fällt ihnen nicht leicht.

Greise Clans in der Provinz

Pfarrer und Psychologin schleppen einigen Ballast mit sich herum, und die Schilderung eines wegen Abwanderung und Überalterung aussterbenden Dorfes gehören zu den stärkeren Momenten von Veronesis „XY“. Schizophrenie, Inzest und Alterstarrsinn scheinen die beherrschenden Momente des Lebens der italienischen Provinz, das offenbar nach wie vor vo archaischem Clan-Denken beherrscht wird. Die Akteure sind meist im Greisenalter, die verbliebenen „Kinder“ meist in den Fünfzigern.

Vergebliche Suche nach Antworten

„XY“ ist ein anstrengendes Buch. Die rudimentären Fragmente einer Handlung dienen im mehr oder weniger nur dazu, die Gedanken der beiden Hauptakteure auszubreiten, aus derer Sicht die Geschichte im Wechsel erzählt wird. Diese Gedanken kreisen um das Vergebliche bei den Versuchen das Unerklärliche zu erklären, um Glaube, Zweifel, Grenzen der Wissenschaft.

Schrecken im Plauderton

Eine gewisse Faszination liegt daran, dass Sandro Veronesi einen – man ist versucht zu sagen typisch  italienischen – Ton trifft. Wortreich plaudernd, als spräche er beim Espresso über Fußball oder Frauen, beschreibt der 58-Jährige den Schrecken eines Massakers und das Trauma einer Dorfgemeinschaft, die daran seelisch zu zerbrechen droht. Das klingt zynisch? Mag sein. Aber das ist große Erzählkunst. Der Kontrast zwischen Sprache und Thema verstärkt das verstörende Moment und macht die Intensität des Romanes aus

Für reine Krimifans ist „XY“ dennoch eher nicht zu empfehlen. Dazu geht dem Krimi beinahe alles ab, was zu solider Spannungsliteratur dazugehört. Wer jedoch einen ungewöhnlichen Roman lesen will, um sich dabei mit grundsätzlicheren Fragen des Lebens auseinander zusetzen, der sollte dem Werk eine Chance geben.

 

Tatort:Italien

Der Tourismuskonzern Tui hat im ersten Halbjahr 2011 ein leerstehendes Dorf in der Toskana gekauft, um darin eine Luxusferienanlage für internationale Gäste zu bauen. Das kleine Bergdorf San Giuda, in dem „XY“ spielt, erinnert ein wenig an das malerische, auf einem Hügel gelegene Örtchen. Beide wirken wie aus einer vergangen Zeit, mit ihren verwinkelten Gassen und windschiefen Häusern, weitgehend von den Segnungen moderner Gesellschaften abgeschnitten. Beide weisen einen tödlichen Aderlass für eine menschliche Siedlung auf, den Verlust der Jugend. Allerdings ist San Giuda, wenn man den Schilderungen Sandro Veronesis glaubt, die arme Verwandte des Tui-Dorfes. Das Leben ist einfach und hart in den Bergen. Das vermittelt „XY“ glaubhaft und beschreibt so glaubhaft einen Tatort und italienische Wirklichkeit zugleich.

Sandro Veronesi, XY, Klett-Cotta, 22,95 €

VÖ: 24. August 2011