„Emil und die Detektive“, „die Einstiegsdroge“ für Krimileser

1 Sep

Ein Buch zu schreiben, ist sehr einfach. Eigentlich genau so leicht, wie Geflügel zu braten. Man muss eben nur das Rezept kennen und die richtige Reihenfolge einhalten, also das Tier beispielsweise erst rupfen, bevor es in die Pfanne kommt. Diese Tipps lässt sich Erich Kästner selber von einem fiktiven Ober geben.

Erich Kästner zeigt, wie es geht

Kästner macht sogleich vor, wie es geht. „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1928 ist ein Kinderbuch, ein dünnes zumal. Allerdings zeigt der Autor der Konkurrenz, wie man heute so sagen würde, „wo der Hammer hängt“.  Das Kinderbuch versprüht auf den ersten drei Seiten so viel Geist und Witz, wie ihn andere Schriftsteller auf 400 Seiten nicht hinbekommen. Es ist, um Kästners Worte zu gebrauchen, „kolossal gut“ gelungen.

Vorbildlicher Sohn, findiger Detektiv

Die Geschichte ist natürlich kindgerecht einfach. Emil Tischbein reist aus Neustadt zur Großmutter nach Berlin, schläft im Zug ein und wird von einem Mitreisenden bestohlen. Hartnäckig wie er ist, verfolgt er den Dieb. Er begibt sich auf eine Odyssee durch Berlin, erhält Hilfe von einem ganzen Haufen anderer Kinder, fasst den Dieb und wird am Ende sogar fürstlich belohnt. Natürlich ist Emil ein vorbildlicher Sohn, selbstverständlich bleibt er, so viel Kinderbuchmoral muss sein, trotz neu gewonnenen Reichtums bescheiden.

Erich Kästner schuf mit seinem „Emil und die Detektive zunächst ein amüsantes Kinderbuch, das mit lockeren Sprache, seinem Verzicht auf moralinsaure Lehren und den erhobenen Zeigefinger stilbildend für Kinder- und Jugendliteratur wurde. Damit nicht genug, schrieb der gebürtigen Dresdner zugleich ein bei aller altersgerechten Schlichtheit mitreißender Krimi und  ein gerade aus heutiger Perspektive  ungemein fesselndes Portrait der frühen Großstadt Berlin.

Eine schnörkellos erzählte Geschichte

Das gelingt dem Journalisten, Drehbuch- und Romanautoren Kästner auch deshalb derart großartig, weil er eine wunderbar klare Sprache findet, die Geschichte schnörkellos vorantreibt und sich gleichzeitig den liebevollen Blick für die Details bewahrt.

Für Generationen von Lesern ist Kästners Klassiker, dem ein Platz im Zentrum des literarischen Olymps gebührt, die „Einstiegsdroge“  in die Kriminalliteratur. Auch deshalb verdient das Abenteuer des Landeis Emil Tischbein, dass ihn auch Erwachsene mal wieder zur Hand nehmen.

 

Tatort:Berlin

Die Stadt, in der Emil seine Abenteuer besteht, ist das Berlin der „Goldenen 20er“. Die Stadt wächst und wächst, gleichzeitig sind Schöneberg, Charlottenburg oder der Wedding beinahe noch Vororte, gerade erst in das neue Großberlin eingemeindet. Entsprechend bewegen sich Emil und seine Detektive im alten Kernberlin, vom Bahnhof Zoo über die Friedrichstraße bis hin zum Alex.

Es ist ein optimistisches Berlin – und das nicht nur, weil Erich Kästner ein Kinderbuch geschrieben hat. Die Errungenschaften der Industrialisierung, elektischer Strom, das Telefon, die Eisenbahn oder das Auto sind noch nicht so vertraut, als das es nicht noch begeistert gewürdigt werden könnte.

In der optimistischen Schilderung, die aber auch die sozialen Probleme der Zeit nicht ausblendet, ersteht eine faszinierende Skizze des Berlins jener Jahre. Das erhöht den Lesereiz noch einmal ungemein – für Berliner und für alle anderen gleichermaßen.

Erich Kästner, Emil und die Detektive; Dressler Verlag, 12 €

VÖ: 1929