Ein Kommissar zwischen Pflichterfüllung und Rebellion

4 Sep

Er ist ein durchschnittlicher Typ. Wenn er zur Arbeit fährt, fällt der Beamte unter den Tausenden von Pendlern kaum auf. Weder seine Körpergröße, noch sein Gesicht noch sein persönliches Erscheinungsbild hinterlassen bei zufälligen Begegnungen großen Eindruck. Er hat eine Frau, die er kaum noch liebt und später verlassen soll und zwei Kinder. In seiner Freizeit liest er Bücher über Militärgeschichte und bastelt an Modellschiffen. Ein grauer Mann der – so scheint es auf den ersten Blick – weder Farbe noch Konturen hat. Der Eindruck täuscht jedoch gewaltig.

Es gibt einiges über Martin Beck zu sagen. Er ist, so wollen es seine Schöpfer, einer der fähigsten Polizisten Schwedens. In zehn Jahren löst er einige der spannendsten Kriminalfälle Skandinaviens.

Eigenwilliger Beamter mit tiefer Menschlichkeit

Maj Sjöwall und Per Wahlöö haben den eigenwilligen Polizisten erdacht. Durch zehn Romane und mittlerweile gefühlt zahllose Verfilmungen wurde Beck weltberühmt. Der Kommissar ist bei allem angedichteten Mittelmaß eine extrem spannende Figur.

Martin Beck zeichnet eine tiefe Menschlichkeit aus. Er interessiert sich für die Menschen, gleich ob sie ihm als Opfer oder Täter gegenübersitzen. Ihn bewegen die Schicksale, er versucht zu verstehen und zu helfen – und das ohne diese Empathie pathetisch vor sich herzutragen. Martin Beck interpretiert den Beamten tatsächlich noch als Diener des Volkes.

Die Beiläufigkeit, mit der die beiden schwedischen Autoren die Geschichten um den eigentlichen Kriminalfall weben, Motive sowie gesellschaftliche Zusammenhänge erklären und damit den Charakter ihres Ermittlers zeichnen, machen die Martin-Beck-Reihe zu den brillantesten Krimis, die jemals geschrieben worden sind. Damit wurden sie zum Vorbild für beinahe alle Kriminalromane, die seither in Skandinavien geschrieben worden sind. Das gilt unter anderem für Henning Mankell, Stieg Larsson oder in jüngster Zeit für Jens Lapidus.

Die perfekte Balance zwischen Tempo und Details

Die Romane aus dem hohen Norden sind seit Martin Beck immer mehr als bloße Kriminalgeschichten, sie versuchen gesellschaftliche Entwicklungen aufzuzeichnen. Bei Sjöwall und Wahlöö hatte das Methode. Sie hatten die Romane um Martin Beck von vorneherein als Dekalog angelegt. Mit ihrem Werk wollten die beiden Sozialisten (und Anarchisten) ein politisches Manifest schaffen und die Bevölkerung agitieren. Ihr Werk ist auch deshalb so außergewöhnlich, weil sie diesen Anspruch einlösten und dabei Kriminalromane schufen, die gleichermaßen spannend und witzig sind. Gleichzeitig fand das Duo eine enorm klare Sprache verwenden und die perfekte Balance aus Tempo und Details.

Vom Krimi zur Farce

Martin Beck wird dazu auf eine Reise geschickt, die in mehrfacher Hinsicht zu einer Metamorphose wird. Die Romane selber werden vom Erstling, der „Toten im Götakanal“ bis hin zum abschließenden Band „Die Terroristen“ vom Krimi zur Farce. Der letzte Band ist eigentlich nur noch eine erbitterte Satire über die schwedische Gesellschaft.  Dass dabei dennoch eine ungemein packende, beinahe schon prophetische Kriminalhandlung über die Entstehung und Motive von Terroristen entstand, ist Zeichen der Genialität des Autoren-Duos.

Martin Beck – Beinahe ein Rebell

Wie die Umstände wandelt sich in der Krimi-Reihe auch der Kommissar. Aus dem dauerhaft korrekten Beamten wird beinahe ein Rebell. Einer, der zwar loyal zu seinem Job und dem Staat steht, der aber sich gleichzeitig kritische Fragen stellt und zunehmend desillusioniert das System in Zweifel zieht. Anders als sein Freund und Kollege Lennart Kolberg, der seinen Job hinschmeißt, ermittelt er verbissen weiter.  Auch weil Martin Beck bis zum Schluss zwischen diesen beiden Polen – Pflichterfüllung und Rebellion – gefangen bleibt, ist er eine derart spannende, gebrochene Figur, der durch die Romane zu folgen, auch mittlerweile beinahe 50 Jahre nach der Premiere ein unvermindert großes Vergnügen bleibt.

Mai Sjöwall/Per Wahlöö, Die Terroristen Die Tote im Götakanal, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1965

Mai Sjöwall/Per Wahlöö, Die Terroristen, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1977