Ein Weltverschwörungsthriller ums Weiße Haus von Sam Bourne

9 Sep

Der frisch gewählte Präsident der USA will insgeheim nichts sehnlicher, als Verbrechen und Elend in Afrika zu bekämpfen

Stephen Baker, der neue Mann im Weißen Haus, hat jedoch nicht ein, sondern gleich drei dunkle Geheimnisse, die ihn Amts bedrohend erpressbar machen.

Es gibt offenbar eine Verschwörung auf mindestens nationalem, möglicherweise internationalem Niveau, die eben diesen Präsidenten vernichten will.

Selbstverständlich ist mindestens eine Regierungsbehörde, namentlich der CIA, auf finsterste Weise in diese Verschwörung verwickelt.

Der Machtapparat, der dem Präsidenten zur Verfügung steht (Secret Service, FBI&co) kann dem Boss im Weißen Haus nicht helfen.

Die einzige Person, die all dieses Unheil aufhalten kann, hat – wenn man dem Autor glauben soll –   zwar im Auftrag der Regierung den Frieden im Nahen Osten gerettet, findet aber im Alltag nur mit Mühe den Weg in ihr eigenes Büro.

Eine unglaubwürdige Basis

Strenge Geister müssen bei Sam Bournes neuem Roman „Der Gewählte“ eine Mengen Augen sehr fest zukneifen, um über augenscheinlich unglaubwürdige Grundannahmen hinwegsehen zu können. Wer dazu in der Lage ist, wird alsbald in einen Weltverschwörungsthriller eintauchen, der sich im Genreumfeld nicht zu verstecken braucht. Der Brite Sam Bourne hat ein spannendes Buch geschrieben.

Ungeschickt im Haifischbecken Washington

Die nach Selbstbeschreibung nicht mehr ganz taufrische Maggie Costello arbeitet im Weißen Haus, ist zwar zu diplomatischen Höchstleistungen fähig, steht aber wegen ungeschickten Verhaltens im Haifischbecken Washington auf der Abschussliste des Establishments. Da sie einst zum Wahlkampfteam des Präsidenten gehörte, wird ausgerechnet sie auserkoren, das Staatsoberhaupt von zahlreichen Vorwürfen reinzuwaschen und damit seine Karriere zu retten. Die Frau hetzt also durch die USA, kommt dabei herum, wird von finsteren Kräften verfolgt und entdeckt Erstaunliches.

Weitgehend klischeefreie Verfolgungsjagd

Wer über die eingangs aufgezählten Merkwürdigkeiten hinwegsehen kann, wird dann auf den folgenden rund 400 Seiten mit einer spannend aufgeschriebenen Verfolgungsjagd belohnt, die weitgehend auf die üblichen Klischees verzichtet, die in derartigen Romanen  den Spaß verderben. Es treten beispielsweise kaum Männer mit vollem, schwarzem Haar, stahlblauen Augen, markantem Kinn und breiten Schultern auf, die sonst derartige Romane gleich reihenweise bevölkern Selbstverständlich sind diese Figuren dann intelligent, vermögend, sportlich und beherrschen mindestens eine absolut tödliche Kampfkunst. Insofern ist die eher schusselige Maggie Costello vergleichsweise sympathisch, so dass man ihr gerne durch die Seiten folgt.

Heile Welt in „Der Gewählte“

Da zum Genre des Weltverschwörungsthrillers ums Weiße Haus auch immer eine gute Portion Schwarz-Weiß-Malerei gehört, gewinnen am Ende die Guten und die Schurken sind in Gesellschaftsgruppen zu suchen, die heutzutage den meisten Menschen in Europa ohnehin suspekt sind. Insofern ist „Der Gewählte“ am Ende auch ein Stück heile Welt. Und das ist ja angesichts aufziehender düsterer Herbstabende auch nicht das Verkehrteste.

 

Tatort:USA

Sam Bourne (eigentlich Jonathan Freedland) ist Brite, der als Korrespondent für die britische Tageszeitung „The Guardian“ in den USA tätig war. Dabei hat er das Land gut kennen gelernt. Vor allem den Medienwahn beschreibt er gut, der Hype der Nachrichtensender, die in ihrem Drang rund um die Uhr Nachrichten zu finden, in schöner Regelmäßigkeit in Hysterie verfallen. Auch die konservativen Medienphänomene wie der Ultrakonservative Radiomoderator Rush Limbaugh und (der wegen offenkundigem Wahn mittlerweile gefeuerte) Fox-Moderator Glenn Bleck haben kleinere „Gast“-Auftritte.

Sam Bourne beschreibt auch den Kampf erzkonservativer Kräfte mit den Liberalen, der spätestens seit der Obama-Wahl die USA zu zerreißen scheint. Da der Autor einen Thriller schaffen wollte, verzichtete er auf tiefgründige Analysen. Die beiläufig hingeworfenen Skizzen des derzeitigen US-amerikanischen politischen Fieberzustandes sind aber dennoch einigermaßen amüsant wie lehrreich für den interessierten Beobachter. So gelingt auch ohne geographische Detailaufnahmen ein gelungenes Portrait des Tatorts Vereinigte Staaten.

Sam Bourne, Der Gewählte, Scherz, 15,40 €

VÖ: 9. September 2011