Auf Temperance Brennan wartet einmal mehr Knochenarbeit

12 Sep

Kathy Reichs ist eine großartige Krimi-Schriftstellerin. Sie erdachte vor nunmehr beinahe 15 Jahren die ungemein faszinierende  Temperance Brennan. Als forensische Anthropologin ermittelt die Wissenschaftler in Todesfällen, bei denen die sterblichen Überreste der Opfer durch normale Methoden nicht mehr zu identifizieren sind.

Kathy Reichs hat ihrer Ermittlerin Teile ihres eigenen Lebens auf den Leib geschrieben. Beide leben und arbeiten abwechselnd in Labors im US-Bundesstaat South Carolina und im kanadischen Montreal. Beide verstehen sich eher  als Wissenschaftlerinnen denn als Detektive.

Knochenarbeit für eine Wissenschaftlerin

Die Krimis um Temperance „Tempe“ Brennan, die bei ihren bisher 13 Fällen beinahe immer schwerste Knochenarbeit verrichten musste, gehören zu dem Besten, das in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen ist. Vor allem die ersten Romane der Serie sind ungemein spannend und bestechen durch eine enorme Dichte und Komplexität. Kathy Reichs hatte vom Start weg eine sympathische Hauptfigur geschaffen, die begeisterte. Gleichzeitig spann sie um ihre Heldin ein Universum, dass durch plastische, lebendige Charaktere überzeugte. Das galt für die „Sidekicks“ genau so, wie für die Bösewichte, die die Seiten bevölkerten und der Ermittlerin immer wieder nach dem Leben trachteten.

„Fahr zu Hölle“, ein neuer Fall für Temperance Brennan

Jetzt ist ein neuer Band erschienen. In „Fahr zur Hölle“ nimmt der Fall seinen Ausgangspunkt an einer Rennstrecke in Charlotte, im Bundesstaat North Carolina. Arbeiter finden ein Fass, in dem eine Leiche einbetoniert wurde.  Die Ermittlungen führen Temperance Brennan und die Polizei zu den Rennställen, rechten Fanatikern und Rassisten. Ein umstrittener Sicherheitschef der Strecke und das FBI machen der Wissenschaftlerin das Leben zusätzlich schwer.

Pflichtlektüre nur für Kathy-Reichs-Fans

Für Kathy-Reichs- bzw. Temperance-Brennan-Fans ist „Fahr zu Hölle“ selbstverständlich eine Pflichtlektüre. Gleichzeitig muss man aber feststellen, dass der 14. Band der Reihe wieder zu den eher Schwächeren zählt. Wie üblich sind die Fakten gut recherchiert und mit hohem Tempo aufgeschrieben – auch die Hauptdarstellerin bleibt sich treu. Dennoch überzeugt die Geschichte nicht wirklich. Nebenfiguren, Verdächtige und Täter bleiben merkwürdig blass, überwiegend zweidimensional. Das ist schade, weil gerade dieses Einfühlungsvermögen in die Figuren und deren präzise Beschreibung eigentlich zu den Stärken von Reichs zählt. Das hat sie unter anderem jüngst wieder eindrucksvoll in dem Thriller „Virals“ bewiesen, der ebenfalls dieses Jahr erschienen ist und sich eher an ein jüngeres Publikum richtet. (Hauptdarstellerin ist die 14-Jährige Tory, eine Großnichte von Temperance Brennan, die nach missglückten wissenschaftlichen Experimenten auf einer abgelegenen Insel übernatürliche Kräfte entwickelt.)

Natürliches Auf und Ab

„Fahr zur Hölle“ erscheint mit seiner vergleichsweise geringen Komplexität dagegen eher wie ein Drehbuch für eine Folge von „Bones“, der TV-Serie, die die forensische Anthropologin zum Vorbild hat: Direkt, schlicht und einfach zu konsumieren. Wie gesagt für Fans – die bei einer solch langen Reihe Verständnis ein ganz natürliches  Auf und Ab aufbringen können – ein Muss. Einsteiger sollten eher auf einen der ersten Bände, beispielsweise „Tote lügen nicht“ aus dem Jahr 1997, zurückgreifen. Der ist auch nach 14 Jahren noch sensationell gut.

 

Tatort:North Carolina

Das Problem bei Krimis, die in einer Serie erscheinen, ist immer, dass Autor und Leser die “Location” schon ziemlich gut kennen. Natürlich beschreibt Kathy Reichs die Südstaaten-Stadt, die Wohnung und den Arbeitsplatz ihrer Hauptfigur. Es hat sich jedoch auch hier eine gewisse Routine eingeschlichen, so dass der Reiz ein wenig verloren geht. Erstmals hat sich die Autorin eine Rennstrecke, auf der zahlreiche der gelegentlich etwas merkwürdig erscheinenden amerikanischen Rennserien ausgetragen werden, als Schauplatz ausgesucht. Auch das bleibt ambivalent. Die Beschreibungen des Fan-Wahns, der Pilgerströme von Rennportfans sind sehr realistisch und glaubhaft. In den Boxengassen selber, scheint sich die Autorin jedoch nicht länger aufgehalten zu haben. Die Arbeit in den Rennställen wird jedenfalls nur vage angedeutet. Immerhin erhält man einmal mehr einen interessanten Einblick in das Leben der abgelegenen, ländlichen – offenbar immer noch nicht wesentlich weiter entwickelten – Gebiete der USA.

Kathy Reichs, „Fahr zur Hölle, Blessing, 19,95 €

VÖ: 12. September 2011