Tom Rob Smith zeichnet ein gelungen düsteres Bild des Kalten Krieges

21 Sep

Der Kalte Krieg beflügelt bis heute die Fantasie. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die beiden Blöcke unversöhnlich, aber gleichzeitig unlösbar ineinander verbissen gegenüberstanden, regte Dutzende von Autoren zu Spionageromanen und Krimis an.

Seit einigen Jahren hat sich Tom Rob Smith das spannende historische Umfeld für seine Romane ausgesucht. Zwei Bände, „Kind 44“ und „Kolya“ sind bereits erschienen. Soeben ist „Agent 6“ auf den Markt gekommen.  Der jüngste Roman ist, um es kurz zu sagen, schlicht großartig.

Erbärmliche Kreaturen des Kalten Krieges
“Agent 6“ ist zunächst deshalb so außerordentlich gut gelungen, weil  Smith ein düsteres Bild der beiden Blöcke zeichnet. Die Agenten, die auf Seiten der USA oder der Sowjets „kämpfen“, sind keine gut aussehenden, Martini-schlürfenden Kampfmaschinen mit Intelligenz, Charme und Schlag beim weiblichen Geschlecht. Smiths Spione sind ausnahmslos erbärmliche Kreaturen, fanatische Reaktionäre, verblendete Ideologen oder  einfach nur korrupte Drogensüchtige.

Vom Stalinismus zum Afghanistan-Konflikt
Ein Linie, die „Gut“ und „Böse“ unterscheiden würde, lässt sich bei den literarischen Truppen, die der britische Autor gegeneinander in Stellung bringt, nicht wirklich ziehen. Es bleibt die Erkenntnis: Krieg, auch oder ganz besonders der Kalte, ist ein schmutziges Geschäft. „Agent 6“ fasziniert in diesem unerbittlichen Kräftemessen der Systeme auch deshalb, weil es Smith gelingt, einen spannender Bogen von der unmittelbaren stalinistischen Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre und den blutigen Konflikt um Afghanistan zu zeichnen.

Ein Kriegsheld mit Zweifeln
KGB-Agent Leo Demidow  soll einen kommunistischen US-amerikanischen Sänger bei dessen Moskau-Besuch vor der harschen sowjetischen Realität abschirmen. Der  Anhänger des Regimes soll nicht sehen, wie schlecht es den Bürgern in der Nachkriegssowjetunion tatsächlich geht. Das gelingt mit Mühe – und Demidow soll bei der Mission auch noch seine große Liebe kennen lernen. Damit enden die guten Nachrichten für Leser und Protagonisten allerdings abrupt. Es beginnt eine, eigentlich beginnen mehrere Intrigen und Verschwörungen, die Demidow rund um den halben Globus und an den Rand seiner Existenz bringen sollen.

Ein mitreißendes Drama
Auch wer Verschwörungsromanen kritisch gegenübersteht, etwa weil er das ganz große Szenario, wie es zuletzt Sam Bourne in „Der Gewählte“ zeichnete, als unglaubwürdig erachtet, wird sich „Agent 6“ nicht entziehen können: Das Drama um den einstigen Helden des Vaterländischen Krieges, der an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt, ist raffinier konstruiert und gleichermaßen glaubwürdig wie mitreißend beschrieben.

Tom Rob Smith hält in seinem dritten Roman die perfekte Balance: Sein Stil ist direkt und schnörkellos. Alles ordnet sich dem Tempo unter. Gleichzeitig räumt der Brite mit schwedischen Wurzeln der Beschreibung der Charakter und ihrer Lebenswelt so viel Raum ein, dass die Seiten permanent eine spürbare, dichte Atmosphäre atmen. „Agent 6“ zählt zu dieser Sorte Krimis in deren Welt man mit einem wohlig-gruseligem Schauer komplett eintauchen möchte und zu deren Gunsten man zum Leidwesen von Freunden und Familie bis zur letzten Seite jegliche ablenkende Realität aussperrt

 

Tatort:Afghanistan

Lew Demidow kommt herum. Er lebt in Moskau, ermittelt in New York und verbringt einen Teil seines Lebens in Afghanistan: Die Schilderung des Staates am Hindukusch während der sowjetischen Besatzung Ende der siebziger Jahre ist extrem glaubwürdig beschrieben. Der abgelegene, nur mäßig entwickelte und von Stämmen beherrschte Staat ersteht auch ohne ausführliche Beschreibungen plastisch zum Leben. Smith vermittelt einen spürbaren Eindruck von Hitze; Staub und Dreck am Ende der Welt. Die wahre Stärke besteht aber eher im „psychologischen“ Tatort, wenn man diese Formulierung einmal zulassen will. Die Grausamkeit der sowjetischen Besatzer, die unerbittliche Härte einer „Befreiung“ durch die Kommunisten und des erbitterten, ebenso harten Widerstandes dagegen, gehören zu den deutlichen Stärken des Romans von Tom Rob Smith.

Tom Rob Smith, Agent 6, Manhatten, 21,99 €<, VÖ: 19: September 2011