Arnaldur Indridason lässt in Island wenig Raum für Lebensfreude

25 Sep

Arnaldur Indridason zeichnet das ganz große Gemälde. In seinem neuesten Krimi stellt der Isländer die Banker seiner Heimat in das Zentrum. Zur Erinnerung: Die isländischen Banken und das Finanzsystem gehörten, wie die Angehörigen dieser Sippschaft das in ihrer aufgeblasenen Sprache formulieren würden, zu den „Key Playern“ der globalen Finanzkrise vor einigen Jahren. Die Bewohner der kleinen Inselrepublik im Nordatlantik kämpfen bis heute mit den Folgen der Gier auf unverhältnismäßige Gewinne.

Tödliche Folgen eines banalen Erpressungsversuchs

Den Auftakt zu Indridasons neuestem Roman „Abgründe“ bildet allerdings ein scheinbar alltägliches Verbrechen. Ein Freund bittet Kommisar Sigurdur Oli, einem erpresserischen Pärchen, die seine Schwägerin mit Sexfotos von einer „Schnitzelparty“ (offenbar isländisch für eine Swingerparty) zu erpressen versuchen, auf die Finger zu klopfen. Als der Kommissar im Haus des Paares eintrifft, hat jemand anderes bei der „Dame des Hauses“ bereits zugeschlagen. Der „Klaps auf die Finger“ wurde allerdings mit einem Baseballschläger ausgeführt und hatte fatale Folgen. Die Frau stirbt wenig später im Krankenhaus.

Sigurdur Oli ermittelt und muss bald erkennen, dass der Fall doch größere Kreise zieht, als ursprünglich angenommen. Eher zufällig erfährt er bei seinen Vernehmungen in Reykjavik von dem Unfall eines Bankers vor nicht aller Zeit. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei dem Unfall auf einer abgelegenen Klippe keineswegs um ein Unglück handelte.

Wenig Raum für Lebensfreude in Islands Krimis

Die Krimis Indridasons kommen immer ein wenig betulich daher, ihnen wohnt durchgängig eine triste, melancholische Grundstimmung inne. Auf der von Vulkanen und Geysiren überzogenen Insel Island und ihrer Hauptstadt Reykjavik – der Basis der Ermittler –  scheint wenig Raum für Lebensfreude oder auch nur lichte, entspannte Tage. (Das scheint aber an der Insel zu liegen, denn auch andere Autoren, so jüngst Aevar Örn Joseppson mit seinem Debüt „Wer ohne Sünde ist“, transportieren dieses Lebensgefühl). Auch die Hauptfiguren Indridason, so der beispielsweise Kommissar, schreiten nicht, sie stolpern eher durchs Leben, mühsam beladen mit gescheiterten Beziehungen zu Partnern oder Eltern.

Abgründe: Ein kunstvolles Konstrukt

Indridason ist dennoch (oder gerade deswegen) ein guter Vertreter seiner Zunft. „Abgründe“ ist kunstvoll konstruiert, nimmt verschlungene Pfade und überrascht immer wieder den Leser, der sich gelegentlich wie ein Wanderer auf einem zugefrorenen Fluss fühlt, an dessen fest gefügter Oberfläche trügerischer Ruhe herrscht, die nur erahnen lässt, wie schnell im Untergrund die Strömung reißt, bevor sich das Wasser an unerwarteter Stelle mit unbändiger Kraft den Weg ins Freie bahnt. Ein solcher Spannungsbogen ist für einen guten Krimi eigentlich die beste Empfehlung.

 

Tatort:Island

Der heimeligste Ort auf der Insel scheint das Untersuchungsgefängnis von Lila-Hraun in der Nähe der Hauptstadt Reykjavik. Hier jedenfalls verbringen die Verdächtigen der Romane von Arnaldur Indridadson viel Zeit, hierher kommen auch die Ermittler regelmäßig. Es ist eine Konstante in bewegten Zeiten. Für die Polizisten scheint der Weg zum Knast in den Island-Krimis gelegentlich beinahe wie eine Flucht aus dem grauen. Alltag. Grau ist die beherrschende Farbe, wenn man sich die Schauplätze in Indridadsons Krimis vor Augen fühlt. Spießige Eigentumswohnungen, heruntergekommene Werkstätten und triste Kaschemmen prägen die Szenerie. Das ist nicht sonderlich attraktiv, aber für den geneigten Krimileser, der auf sich den Romanen aus Island auf seinem heimischen Sofa im gut geheizten Wohnzimmer nähert, irgendwie auch exotisch pittoresk und damit eine immer wieder willkommene Abwechslung in der Krimilandschaft.

Arnaldur Indridason, Abgründe, Lübbe, 19,99 €

VÖ: 16. September 2011

Einen Text von mir zum Buch gibt es auch auf dem Worlds Luxury Guide