Dorothy Sayers vereint überaus amüsant interessante Gegensätze

30 Sep

Dorothy Sayers ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.  Die Schriftsteller wurde 1893 in Oxford geboren und hat damit ein Leben jener Aufbruchjahre des 19. Jahrhunderts geführt, als sich Biographen beinahe von selber wie spannende Abenteuergeschichten lesen.

Aufbruch in neue Welten

Sayers wurde 1893 in Oxford geboren und eroberte auch ohne große Reisen für Frauen bis dahin beinahe völlig unbekannte Welten. In der Blütezeit des viktorianischen Zeitalters, als Frauen in der Gesellschaft gerne als komplett hilf- und hirnlose Wesen betrachtet wurden, gehörte Sayers zu den ersten Frauen, die es schafften, die Männerbastion Oxford zu erstürmen. Nach dem Studium arbeitete sie als Lehrerein und in einer Werbeagentur  und setzte ein uneheliches Kind in die Welt, Obendrein machte sie sich als Schriftstellerin einen Namen.

Eine Leiche im Meer

Die Romane um Lord Peter Wimsey gehören  zu den Klassikern der Kriminalliteratur. So auch „Mein Hobby: Mord“, in dem an der Seite von Lord Peter auch die Kriminalschriftstellerin Harriet Vane ermittelt. Letztere findet auf einer Wanderung in einem fiktiven Ort der Südwestküste Englands eine Leiche. Sie zaudert nicht lange und untersucht die Leiche, auch weil sie erkennt, dass die hereinströmende Flut alle Beweise vernichten wird. Die Ermittlungen bringen Wimsey und Vane in ein britisches Seebad, das von Eintänzern, russischen Emigranten und alternden Damen mit einsamen Herzen bevölkert wird. Natürlich finden die beiden Hobbydetektive mit ausdauernden Detailarbeit und scharfsinnigen Schlussfolgerungen gegen alle Zweifel der Polizeibehörden die Täter.

Unterhaltsame Gegensätze

Der besonderen Reiz  von „Mein Hobby: Mord liegt in den Gegensätzen, die Dorothhy Sayers in dem Buch aufeinanderprallen lässt: Die Britin zeichnet ein ländliches England mit Landadligen, Bauern, Dorfpolizisten und verstaubten Jungfern, das vollständig dem Klischee des liebenswert-verschrobenen Inselvolkes in Zeiten des britischen Empires entspricht. Gleichzeitig jagt Harriet Vane durch die Seiten, eine junge emanzipierte Frau, die sich von der Männerwelt nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und um keinen Preis als dumm oder schwächlich wirken will. Auch deshalb widersteht sie hartnäckig dem Werben von Lord Peter. Auch dieser permanente Balztanz zwischen den Hauptdarstellern erhöht den Reiz der Serie. (Natürlich kriegen sie sich am Ende doch – aber noch nicht in „Mein Hobby: Mord“.)

Ein Tor zu einer anderen Zeit

Die Krimis von Dorothy Sayers sind dabei doppelt interessant: Es sind zunächst einmal gut konstruierte, spannende Kriminalromane mit Überraschungsmomenten, die das Genre verlangt. Gleichzeitig öffnen sie aber das Tor zu einer anderen Zeit. Auf den Seiten des Romans erwacht eine Gesellschaft zum Leben, die nicht als „gute alte“ aber als höchst faszinierend zu bezeichnend ist. Es ist eine Ära als die Männer noch Sportanzüge, aber spätestens zum Abendessen Smoking trugen und ein Hut zur Garderobe gehörte. Eine rebellische Attitüde wurde seinerzeit allerhöchstens in einer gewagten Krempe zur Schau gestellt.

Präzise Sätze und geistreiche Einfälle

Das ungewöhnliche Lesevergnügen der Sayers-Reihe erwächst schließlich noch durch die besondere Sprache, die Romane entstanden in der von einer Dekonstruktion des geschriebenen Worts noch keine Rede war und vollständige Sätze selbstverständlich schienen. Dennoch schrieb Sayers bei aller vornehmen Zurückhaltung enorm präzise Texte voller geistreicher Einfälle. Dorothy Sayers reiht sich damit ein eine Krimi-Ahnengalerie, in der Größen wie Agatha Christie und Georges Simenon stehen.

Anhängern der Kriminalliteratur, die gelegentlich auch Lust auf eine kleine Zeitreise verspüren, sei „Mein Hobby: Mord“ wärmstens empfohlen.

 

Tatort: England

Es ist nicht leicht, auf den Spuren von Lord Peter Wimsey und Harriet Vane zu wandeln. Dorothy Sayers hat sich beinahe sämtliche Orte selbst erdacht. Dennoch sind die Schauplätze nicht nur fiktiv. Wer sich genau durch die Seiten liest und mit offenen Augen durch den Süden Englands läuft, wird immer wieder Schilderungen aus dem Buch wiederfinden. So entsteht in „Mein Hobby: Mord“ eine Küstenlandschaft, die gleichermaßen rau wie lieblich ist. Zur Kunst von Dorothy Sayers gehört dabei, dass sie eine idyllische Natur schafft, die vom Schaf bis zum Dorfpolizisten mit pittoresken Einwohnern bevölkert wird, die aber auf eine weitaus düstere Wirklichkeit der englischen Gesellschaft trifft. Betulichkeit trifft Leidenschaft. Eine überaus reizvolle Kombination.

Dorothy Sayers: Mein Hobby: Mord

VÖ: 1932

Ein Text von mir zum Buch gibt es auch auf dem WLG