Varg Gyllander und sein wenig interessanter alternder Ermittler

9 Okt

Wintertage in Stockholm sind selten erfreulich. Das gilt ganz auch dann, wenn man Forensiker ist und mitten in der Nacht zu einem Tatort gerufen wird. Ulf Holz steht jedenfalls mäßig begeistert auf einem Fußballplatz, auf dem zuvor eine Nazi-Kundgebung abrupt geendet hatte. Der Anführer einer rechtsradikalen Gruppierung wurde von einem Pfeil durchbohrt und regelrecht an einer Holzwand festgenagelt. Schadenfreude verbietet sich. Schließlich ermittelt die  Staatsmacht ohne Ansehen der Person. Das gilt auch dann, wenn sich herausstellt, dass neben den Ansichten auch die Vergangenheit des braunen Wirrkopfes eher wenig appetlich ist.

Eine solider Ausgangslage

Mit dieser Ausgangslage ist das Feld für einen spannenden Kriminalroman solide bestellt. Varg Gyllander hat sich das Szenario erdacht, in dass er seine Ermittler schickt. Der schwedische Autor rückt, bei US-amerikanischen Fernsehserien funktioniert das ja auch seit Jahren ganz gut, Forensiker, also Kriminaltechniker, ins Zentrum seiner Geschichte.

Tatsächlich kommen den ungewöhnlichen Ermittlern ihre besonderen Fähigkeiten bei der Tätersuche sehr gelegen: Obwohl der Mord beinahe in aller Öffentlichkeit geschah, gibt es keine Zeugen und die meisten Spuren hat die Polizei selber vernichtet. Von daher öffnet sich viel Raum für eine spannende Kriminalgeschichte.

Ein trauriger Held

Varg Gyllanders „Eiskalte Rache“ ist dennoch bestenfalls zwiespältig. Das liegt in erster Linie an den Figuren, die den Roman bevölkern. Im Zentrum steht Ulf Holtz, ein Mittvierziger, der eher eine traurige Figur abgibt. Seine Geliebte hat ihn verlassen. Die junge Frau, die soeben die Uni absolviert hat und in etwa so alt wie seine beiden erwachsenen Töchter ist, wollte sich überraschenderweise nicht auf ein geregeltes Leben an seiner Seite in seinem Häuschen in einem ruhigen Stockholmer Vorort einlassen. Seiner eigenen Unruhe versucht der Mann mit wechselnden fernöstlichen Kampfsportarten Herr zu werden. Außerdem hat er keine Freunde, sitzt häufiger einsam in seinem Haus. Er ist, muss man sagen, ein trauriger Held.

Kein Grund für Mitleid

Gyllander gibt dem Leser jedoch kaum einen Grund, Mitleid  mit dem Mann zu entwickeln. Insgesamt bleibt Holtz den gesamten Roman hindurch fremd, seine Probleme wirken eher albern bis aufgesetzt. Und offengestanden hat man die Geschichte des einsamen, alternden Wolfes im Großstadtdschungel mit unterentwickelter sozialer Kompetenz auch einmal zu oft gelesen. Die beiden Partnerinnen an der Seite des Kriminaltechnikers, seine Kollegin Pia Levin und Kommissarin Ellen Brandt bleiben zu blass, um das wieder herausreißen zu können.

 

Durchschnittsware aus dem hohen Norden

Insgesamt bleibt „Eiskalte Rache“ daher eher zwiespältig. Eine gut erdachter und hinreichend komplex zusammengesponnener Plot und einige interessante Nebenfiguren retten einen über die uninspirierten Charakterzeichnungen der „Hauptdarsteller“ hinweg. Dennoch bleibt wegen letzterer Varg Gyllanders Roman Durchschnittsware. Wie mit ähnlichen Mitteln interessantere Geschichten erzählt werden können, haben in diesem Jahr beispielsweise Jens Lapidus und Thomas Enger gezeigt. Ganz besonders gilt das aber für „Totenwinter“ von James Thompson, dem in diesem Jahr bislang spannendsten Krimi aus Skandinavien.

 

Tatort:Stockholm

Viel erfährt man über Schwedens Hauptstadt nicht. Allerdings gibt Varg Gyllander die Stimmung ländlicher, verschneiter schwedischer Vororte gut wieder. Kälte und Dunkelheit, die fester Bestandteil nordischer Krimis sind, erstehen beinahe gänsehautauslösend fühlbar zum Leben. Insbesondere die Einsamkeit eines einsamen Provinznest, in das Pia Levin bei ihren Ermittlungen fahren muss, ist treffend skizziert. Die Leere auf den Straßen, die Tristesse im einzigen Imbiss am Orte ist schön beschrieben und zeigt einmal mehr, welche Möglichkeiten Gyllander hat – und leider verschenkt.

Varg Gyllander, Eiskalte Rache, btb, 9,99€

VÖ: 7. Oktober 2011