Perfekt für dunkle Herbstabende: Melanie McGraths Polarkrimi

13 Okt

Edie Kiglatuk geschieht ein blödes Missgeschick. Die Führerin zieht mit zwei Kunden zum Jagdausflug in die Trundra und bringt nur einen wieder mit zurück. Einer der beiden „Südländer“ stirbt an einer Schussverletzung, während die Inuitfrau nur wenige Schritte entfernt vom gemeinsamen Lager aus einem Gletscher Wasser für ihre „Schützlinge“ besorgt.

Finstere Gestalten und ihre dunklen Geschäfte
Die Analyse aller Würdenträger steht bald fest: Es muss ein Unfall gewesen sein, der Tote hat sich versehentlich selber erschossen. So etwas kann, so die allgemeine Auffassung, angesichts der permanenten Bedrohung durch Eisbären schon mal passieren. Vor allem Bürgermeister und Ältestenrat drängen auf diese Erklärung. Alles andere wäre schließlich schlecht fürs Geschäft – und das ist auf Ellismere Island, nur wenige Kilometer vom Nordpol entfernt, inmitten es ewigen Eises schon mühsam genug. Edie Kiglatuk will sich mit diesem verordneten Ergebnis der Dorfältesten nicht zufrieden geben und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Natürlich sticht die Jägerin in ein Hornissennest von finsteren Gestalten, die mindestens ebenso dunkle Geschäfte betreiben. Es dauert nicht lang und Edie Kiglatuk gerät ernsthaft in Schwierigkeiten.

Melanie McGrath und ihre toughe Jägerin
Die Britin Melanie McGrath hat sich die toughe Jägerin und den Fall erdacht und in „Im Eis“ niedergeschrieben. Ermittlerin wie Ort der Handlung sind ungewöhnlich – und außergewöhnlich spannend. Der Krimi spielt bei den Inuit, die einst zu Beginn des Kalten Krieges von der kanadischen Regierung an den nördlichsten Rand des Landes umgesiedelt worden waren. Dort sollten sie, so verquer dachten einst die Strategen, mögliche Infiltrationsversuche durch die Sowjets stoppen.

Faszinierende Einblicke ins hoffnungslose Leben der Inuit

Der Kalte Krieg ist vorbei, die Inuit sind geblieben und leben ein beinahe hoffnungsloses Leben in eisiger Nacht. McGrath beschreibt den Alkoholismus, die Perspektivlosigkeit der Jugend und die bar jeden Verständnisses für die Inuit unternommenen Versuche einer Zentralregierung zur „Entwicklung“ einer Region, die zum Leben oder für zivilisatorischen Fortschritt nach westlichem Verständnis eigentlich so gar nicht geeignet ist.

Ein außergewöhnlicher Roman an einem ungewöhnlichen Schauplatz
Auch wenn McGrath eigentlich auch nur eine Außenstehende ist, ist ihr mit „Im Eis“ ein beeindruckender Einblick in eine ungewöhnliche Welt, eine interessante, fremde Kultur gelungen, die nicht immer sympathisch wirkt, aber immer authentisch erscheint.

Die Eigenheiten der Inuit, ihr Blick auf die Welt und ihr Umgang mit sich und anderen erstehen glaubhaft zum Leben. Weil die Autorin es verstanden hat, um diese Welt noch eine extrem spannende Kriminalgeschichte zu spinnen, ist ihr ein ganz außergewöhnlicher Roman gelungen. Das manifestiert sich vor allem in der Hauptdarstellerin: Edie Kiglatuk steckt voller Fehler, kommt weder mit dem Alkohol  noch den Männern klar und stolpert eher unbeholfen als zielgerichtet durchs Leben – und doch besitzt sie eine große Menschlichkeit, der man gerne und gebannt durch den Roman folgt.

 

 

Tatort: Kanada
Melanie McGrath hat sich auf Ellismere Island virtuelle Orte erdacht. Vermutlich auch deshalb, weil sich in den überschaubaren Orten wenige Hundert Kilometer unterhalb des Nordpols Menschen all zu leicht wiedererkennen würden.  Dennoch wirken die Beschreibungen der Britin authentisch. Die lebensfeindliche, zugleich ungemein faszinierende Natur im ewigen Eis, die wenigen, von Wind und Wetter dauerhaft bedrohten Siedlungen und die Einsamkeit der Ebenen erstehen glaubhaft zum Leben, so dass man „Im Eis“ beinahe als Reiseführer verwenden könnte, wenn einen denn der Wahnsinn packte, an den Rand der Welt zu reisen.
Davon wird  der Leser schon deshalb abgehalten, weil McGrath die mörderische Kälte, die das Leben so schwer macht, beinahe körperlich fühlbar auf jede der rund 400 Seiten unterbringt: So ist „Im Eis“ denn auch die ideale Lektüre für einen stürmischen Herbstabend, wenn man seine Lesezeit in der warmen Wohnung mit einer heißen Tasse Tee auf dem Sofa verbringt.  Derart umsorgt werden die Eindrücke aus dem ewigen Eis zum perfekten Lesevergnügen.

Melanie McGrath, Im Eis, Kindler, 19,95

VÖ: 16. September 2011