„Paganinis Fluch“ donnert rasant über kleinere Fehler hinweg

18 Okt

Eine junge Frau sitzt tot im Vorschiff einer Yacht. Ein Mann hat sich, eigentlich unmöglich, in einem leeren Zimmer seiner Wohnung erhängt. Dieses doppelte Verbrechen, von dem der Leser anders als die Ermitler schnell ahnt, dass sie zusammenhängen bilden den Auftakt zu „Paganinis Fluch“.

Gnadenlose Jagd auf eine Friedensaktivistin

Es sollen nicht die einzigen Verbrechen bleiben. Ein junger Mann wird brutal in einem Bauwagen verbrannt, eine junge Friedensaktivistin von einem brutalen Profi-Killer gehetzt. Schon bald sehen sich die Polizisten in Stockholm auf der mühsamen Jagd auf einen international agierenden Waffenhändler.

„Paganinis Fluch“ ist der jüngste Roman vom schwedischen Autoren-Ehepaar Alexandra und Alexander Ahndoril, die ihre Arbeiten unter dem Arbeitsnamen Lars Kepler veröffentlichen. Obwohl das Duo aus dem skandinavischen Raum stammt, hat es einen action-geladenen Thriller nach US-amerikanischen Vorbild geschrieben.

Blasse Ermittler, starke „Opfer“

„Paganinis Fluch“ ist ein ambivalent. Den beiden Schweden ist ein hochgradig verdichteter Plot gelungen, der mit einer beinahe atemberaubenden Geschwindigkeit vorangetrieben wird. Die Handlung ist allerdings durchschnittlich verschlungen, für einen wirklich komplexen Krimi verläuft die Geschichte insgesamt zu gradlinig. Um „Paganinis Fluch“ als billige Spannungsliteratur abzutun, sind viele Einfälle jedoch wiederum zu intelligent. Leider versanden einige dieser Ideen nach vielversprechend verwirrendem Auftakt dann unmotiviert im Nirgendwo

Ähnlich widersprüchlich präsentieren sich die Figuren. Die Kommissare bleiben bestenfalls blass – oder sind beinahe schon ärgerlich perfekt. Gleichzeitig sind die Figuren in der „Opferrolle“ mit vielschichtigen Biografien hinreichend interessant. Man nimmt an ihrem Schicksal so viel Anteil, dass man möglichst bald wissen will, wie es mit ihnen weitergeht.

„Paganinis Fluch“, ein ambivalenter Krimi

Insgesamt gesehen, geht das Konzept auf. Je weiter sich die Handlung entwickelt, desto tiefer wird der Leser in die Geschichte hineingesogen und will immer weiter und weiter lesen. Das ist ja eigentlich auch schon beinahe alles, was man von einem guten Krimi, einem echten „Page-Turner“ erwartet. Extrem anspruchsvolle Leser und besonders kritische Geister sollten „Paganinis Fluch“ wegen der erwähnten Schwächen links liegen lassen. Alle anderen, die einfach mal ein Buch lang spannend unterhalten werden wollen, sollten es mit dem neuen „Kepler“ versuchen.

 

Tatort:Stockholm

Alexandra und Alexander Ahndoril haben es eilig mit ihrer Geschichte. Viel Raum für feulletonistische Betrachtungen eines Schauplatzes gibt es daher nicht. „Tatorte“ werden nur insofern beschrieben, als sie für die Handlung wichtig sind, also etwa eine luxuriöse Wohnung oder ein abgelegener Bauwagen. Breiteren Raum nimmt lediglich die Schären-Welt vor der Küste ein. Der Leser bekommt bei den Beschreibungen einer Jagd ein ungefähres Gefühl von der Abgeschiedenheit der kleinen Inseln, die doch eigentlich gar nicht so weit weg von der Hauptstadt sind. Insofern ist das Schwedenbild stimmig: Wie bei vielen anderen Autoren, wie beispielsweise jüngst Malin Fors oder Varg Gyllander dominiert das ländlich-abgeschiedene Skandinavien. Und das ist ja gleichzeitig hochgradig mystisch wie heimelig, so dass der deutsche Leser sich immer wieder gerne dorthin entführen lässt.

Lars, Kepler, Paganinis Fluch, Lübbe, 19,99 €, VÖ: 14. Oktober 2011