Grebe und Träff bereiten ihrer Therapeutin ein neues „Trauma“

24 Okt

Psychotherapeuten sitzen in sorgfältig ausstaffierten Räumen, gucken überlegen und stellen nur scheinbar interessiert Fragen nach Stimmungen und Befindlichkeiten. So stellt man sich das vor. So denkt sich das wohl auch Siri Bergmann, als sie für einen Freund ein Forschungsprojekt übernimmt. Die Therapeutin soll eine Selbsthilfegruppe für Frauen leiten, die das Opfer männlicher Gewalt wurden. Dafür ist sie eigentlich überqualifiziert, aber sie braucht das Geld.

Eine Gesprächsrunde wird zum „Trauma“

Dass nicht alles ganz so einfach ist, wie sich das alle Beteiligten denken, wird schnell klar. Da ist zunächst die Gruppenleiterin. Siri Bergmann ist in mehrfacher Hinsicht selber Opfer. Erst verlor sie unter tragischen Umständen ihren Ehemann, später trachtete ein Wahnsinniger ihr nach dem Leben. Auch die Teilnehmerinnen der Selbsthilfegruppe wollen nicht so richtig ins Raster passen. Als schließlich ein Außensteher in den Kreis der sieben Frauen dringt, gerät die Gesprächsrunde völlig außer Kontrolle. Schnell wird klar: Reden allein bringt die Frauen nicht weiter. Bald wird aber auch deutlich: Mit der als selbstverständlich angenommenen Opferrolle der Frauen kann die Therapeutin es sich auch nicht zu einfach machen. Wenn Liebe besitzergreifend, aus Leidenschaft Besessenheit wird, gelten keine Regeln.

Spannende Thriller um Befindlichkeiten

Die Schwestern Camilla Grebe und Asa Träff hetzen in „Das Trauma“  der armen Siri Bergmann nach dem überzeugenden Erstling „Die Therapeutin“ jetzt zum zweiten Mal einen ganzen Stapel Probleme auf den Hals. Die beiden Schwedinnen haben insofern ungewöhnliche Kriminalromane erschaffen, als sie die Außenwelt, die gesellschaftlichen Umstände, die skandinavische Autoren sonst meist in ihrer Romanhandlungen integrieren, (beinahe) komplett außen vorlassen. Auch wenn in „das Trauma“ die Gewalt gegen Frauen die Basis des Plots bildet, kreist die Handlung überwiegend um die Binnenwelt, die Gefühle und Befindlichkeiten von Siri Bergmann. Aber das ist kein Mangel. Grebe und Träff verstehen sich perfekt darauf, mit den komplexen Innenansichten einer gepeinigten Seele zu spielen und einen perfekt inszenierten Thriller zu schaffen. „Das Trauma“ ist in erster Linie spannend, trotz oder viel mehr sogar gerade wegen des „Psychologisierens“.

 

Tatort: Stockholm

Das „Trauma“ spielt viel in den Gedanken und Köpfen der Figuren. Für elegische Beschreibung des schwedischen Idylls bleibt kein Raum. Lediglich dem abgeschieden gelegenen Hau Siri Bergmann, das in „die Therapeutin“ eine wichtige Bedeutung hatte, kommt wieder eine kleine Nebenrolle zu. Dieses Haus steht für das Schweden, wie es sich der durchschnittliche Tourist vorstellt. Abgelegen, aber traumhaft schön gelegen, sehr einfach ausgestattet aber ungemein gemütlich. Bei Camilla Grebe und Asa Träff wird diese Mischung deshalb nicht unerträglich kitschig, weil sie zeigen, dass hinter der idyllischen blau gelben Fassade, tiefdunkle Abgründe warten.

Camilla Grebe, Asa Träff, Das Trauma, btb, 14,99€

VÖ: 17. Oktober 2011