Bei Lieneke Dijkzeul findet das Grauen im Privaten statt

27 Okt

Beide Opfer sind jung, sehen gut aus – und haben volles Rotes Haar. Das erste Opfer, eine Polizistin, überlebt den Kampf mit ihrem Peiniger nur ganz knapp. Das zweite, eine junge Studentin, entkommt ihrem Peiniger jedoch nicht. Beide sind jedoch gezeichnet: Der Täter ritzt beiden aufsteigende römische Ziffern auf den Leib und nimmt ihnen das Haar.

Nach dem ersten Überfall  vermuten die Polizisten noch eine Vergeltungsaktion gegen ihre Kollegin. Besonders der deutlich ältere Kommissar Paul Vegter kümmert sich um die junge Frau – und soll, aber das nur ganz nebenbei, bald mehr als nur väterliche Gefühle für die schöne Polizistin Renee entwickeln.

Jagd auf einen Serienmörder?

Spätestens jedoch nach dem zweiten Überfall, bei dem die Studentin stirbt, gehen die Ermittler von einem Serientäter aus und werfen die ganz große Polizeimaschine an. Die Suche nach dem offenbar geistig schwer gestörten Täter geht jedoch nur langsam voran. Alsbald entwickelt sich die Verbrecherjagd zu einem Duell zweier unerwarteter Gegner. Die Polizei steht mehr oder weniger als hilfloser Beobachter am Rande eines erbitterten Zweikampfes, in dem mit allen Mitteln gekämpft wird. Schnell wächst die Erkenntnis: Nur der Sieger wird dieses Duell überleben.

Lienecke Dijkzeul kommt ohne Weltuntergangsszenario  aus

Die Niederländerin Lieneke Dijkzeul hat sich die Geschichte erdacht. Ihr „Vor dem Regen kommt der Tod“ ist ein ungewöhnlicher Psychothriller. Es gibt kein Weltuntergangsszenario, keine mahnend beschriebenen gesellschaftlichen Krise, keine mit übermenschlicher Schläue mordenden Supergangster. Das Grauen findet bei Dijkzeul im Privaten statt – und das lässt ihren Kriminalroman aus der Masse monatlich publizierter Spannungsliteratur herausragen, gerade weil er so scheinbar unspektakulär ist.

Lieneke Dijkzeul hat dabei nicht nur einen spannenden Thriller geschrieben, sie bewegt sich auch sprachlich auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Die Sätze, die Dijkzeul formuliert, sitzen ohne sprachliche Effekthascherei auf dem Punkt. Thematisch wie sprachlich fügt sich Lieneke Dijkzeul also gut in die niederländische Krimikultur ein (die sie aber auch schon seit Jahren mitprägt).

 

Tatort:Niederlande

Wo genau „Vor dem Regen kommt der Tod“ spielt, lässt Lieneke Dikzeul im Ungefähren. Sie konstruiert jedoch eine stereotype, niederländische Großstadt. Es gibt Viertel mit ultramodernen Bürogebäuden mit Fassaden aus Glas und Stahl, eine gemütliche Altstadt mit Straßencafés, Vororte mit kleinen, aber wohnenswerten Häusern und die allgegenwärtigen Grachten. All das passt auf die meisten niederländischen Städte, Rotterdam vielleicht mal ausgenommen. Eine genauere Verortung ist aber auch nicht wichtig. Auch im Vagen bleibend, atmet der Kriminalroman hinreichend niederländisches Lebensgefühl. Und das ist für all diejenigen reizvoll, die bei ihrer Krimilektüre mal über den Rand eines Tellers hinausschauen wollen, in dem meist eine recht einheitliche skandinavisch-amerikanische Suppe schwappt.

Lieneke Dijkzeul, Vor dem Regen kommt der Tod, dtv, 14,90

VÖ: September 2011