Martha Grimes schreibt einen politisch korrekten Beinahe-Krimi

5 Nov

Martha Grimes ist eine profilierte Krimi-Autorin. Seit nun mehr 30 Jahren ermittelt ihr „Inspector Jury“. Der Kommissar hat innerhalb des Genres einen ausgezeichneten Ruf innerhalb klassischer, man könnte auch sagen, konventioneller Kriminalgeschichten. Über 20 Fälle musste der Mann, der von einem liebevoll-schrulligen erzbritisch gezeichneten Umfeld umgeben ist, bislang lösen. Kein Wunder, dass seine Schöpferin hin und wieder eine kleine Abwechslung braucht.

Eine 21-Jährige ohne Erinnerung
Um aus der Routine britischer Zwänge auszubrechen, erfand Martha Grimes vor einigen Jahren Andi Oliver. Jetzt erlebt die junge Frau erneut einige Abenteuer. In „Die Nacht des Verfolgers“ geht es der mittlerweile 21-Jährigen erneut beinahe an den Kragen.
Andi ist im Prinzip eine interessante Figur.  Martha Grimes erdachte sich ein junges Mädchen, das eines Tages ohne Erinnerung in einem Motelzimmer erwacht und nur mit knapper Not einem Peiniger entkommen kann, der sie offenbar vergewaltige und verfolgte. Dass aber ist die Geschichte aus dem ersten Band. Mittlerweile wandert Andi, noch immer ohne Erinnerung an die Zeit vor dem Motelzimmer, durch die USA. Ihr Ziel ist Alaska. Eilig hat sie es jedoch nicht, und so lässt sie sich immer wieder an Orten für eine bestimmte Zeit nieder.

Notizen aus der Provinz
In „Die Nacht des Verfolgers“ begegnen wir Andi kurz vor dem abgelegenen Kaff Kingdom  in North Dakota. Auf einer verlassenen Straße gabelt sie einen misshandelten Esel auf. Sie lässt sich nieder, klagt gegen Massentierhaltung und begegnet einem mysteriösen Mann, der aus ihrer Vergangenheit zu kommen scheint.

Ein Krimi ohne Krimihandlung
Um es vorwegzunehmen, Freunde echter Spannungsliteratur werden sich mit dem jüngsten Roman von Martha Grimes nicht anfreunden können. Eine wirkliche Krimihandlung findet nicht statt, es passiert überhaupt nicht viel aufregendes.
Im Zentrum des Beinahe-Krimis steht die junge Frau, die ihre geballte soziale Kompetenz auf Tiere ausrichtet. Sie rettet Esel, Pferde, Schweine. Alles, was da so kreucht und fleucht, gerät widerspruchslos unter den schützenden Zorn der jungen Frau. Das ist schön, politisch wahnsinnig korrekt und auf Dauer eher ermüdend, selbst für diejenigen, denen die Zustände in Farmen mit Massentierhaltung nicht gefallen. Wie es sich für eine militante Tierschützerin US-amerikanischer Herkunft gehört, hat sich natürlich gleichzeitig keinerlei Bedenken, regelmäßig auf Menschen zu schießen.

Ermüdend schlichte Gedankenwelten
Der neue Roman von Martha Grimes ist auch deshalb anstrengend, weil er durchgängig in einer eher schlichten Sprache verfasst ist. Das ist am Anfang interessant, weil es zu der Gedankenwelt der jungen, durch das Land vagabundierenden Frau zu passen scheint, wirkt aber spätestens dann, wenn man erfährt, dass es sich eben nicht um eine frühreife 13-Jährige sondern eine erwachsene junge Frau handelt, unglaubwürdig und anstrengend.
Das gesamte Ensemble des Romans scheint einer irrealen Welt entlaufen zu sein. Da sind total nette Farmer und Arbeitgeber, ein schier endlos verständnisvoller Sheriff, der nur höflich Fragen stellt und sich mit windelweichen Ausreden als Antwort zufrieden gibt.  All das ist Anfangs recht amüsant und nett erdacht, trägt aber, eben weil es permanent so stereotyp nett zugeht, leider kaum über die deutlich über 400 Seiten von „Die Nacht des Jägers“.

 

 

Tatort: North Dakota

Offengestanden war ich noch nie in Nord-Dakota, ahne aber, dass es in diesem hintersten Winkel der USA gelegentlich eher bodenständig zugeht. Leider erfährt man davon in „Die Nacht des Jägers“ jenseits provinzieller Gemächlichkeit im Alltagsleben nur wenig. Es ist einfach alles nur unheimlich nett, so als sei ein abgelegenes engliches Dorf von rosamunde-pilchereskem Ausmaß über den Großen Teich versetzt worden.  Eine gewisse Tiefe besitzen die Schilderungen der Farm, auf der die Schweine unter erbärmlichen Umständen aufgezogen und zur Schlachtung vorbereitet werden. Das ist ergreifend, aber letztlich, so bedauerlich die Erkenntnis über menschliche Rücksichtslosigkeit ist, vermutlich geographisch austauschbar.

Martha Grimes, Die Nacht des Verfolgers, Goldmann, 19,99 €

VÖ: Oktober 2011