Andreas Winkelmann unterhält in „Bleicher Tod“ mit starken Frauen

18 Nov

Am Ende verdirbt Andreas Winkelmann, den guten Eindruck, den er bis dahin hinterlassen hat. Eigentlich hat der 43-Jährige einen für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich düsteren Kriminalroman geschrieben, den er mit einem Tempo vorantreibt, das man normalerweise nur aus den USA, dem Mutterland der verdichteten, jenseits der Hochspannung allen literarischen Ballast abwerfenden Thriller, gewöhnt ist.

Mal wieder eine kranke Kommissarin…
Am Ende erliegt Winkelmann jedoch der Versuchung, der in jüngster Zeit beinahe alle europäische Autoren nachgeben. Seine Kommissarin ist krank. Zuvor schon hatte sie inmitten wichtiger Ermittlungen kurzfristige kritische Aussetzer gehabt. Zur Auflösung bekommt sie von ihrem geistigen Vater auch noch Diabetes „spendiert“.  Damit reiht sie sich in eine mittlerweile lange Liste leidender Ermittler ein: Zuletzt gab es Hamoriden (Jan Erik Fjell), rätselhafte Kopfschmerzen (James Thompson), Angststörungen (Max Bentow), epileptische Anfälle (C.C. Fischer) oder Migräne (Lars Kepler). Einen Sinn für die Romanhandlungen hatten diese Krankheiten jeweils kaum. Sie sollten die Hauptdarsteller wohl interessanter machen, verhindern, dass Kommissare und Ermittler allzu glatt – ohne Brüche – daherkommen. Nötig war das jedoch in fast keinem Fall – und wenn, dann hat die medizinisch akkurate Diagnose auch nicht geholfen.

„Bleicher Tod“ erfüllt das wichtigste Kriterium
Abgesehen von diesem kleinen Schönheitsfehler ist Andreas Winkelmann mit „Bleicher Tod“  aber ein überdurchschnittlich spannender Thriller gelungen, der ein wesentliches Qualitätsmerkmal erfüllt. Der Leser wird ihn bis zur Auflösung nicht aus der Hand nehmen wollen.

Starke Frauen im Mittelpunkt
Die Kommissarinnen Nele Karminter und Anouschka Rossberg, übrigens auch privat miteinander verbandelt und auch ohne Diabetes nach einem gemeinsam durchstanden Trauma mit ausreichend Konfliktpotential behaftet, müssen einen Leichenfund bearbeiten. In einem Mastbetrieb vor den Toren der Stadt wurde die Leiche einer unbekannten Frau entdeckt, die, so erklären die Pathologen, über Tage hinweg bestialisch zu Tode gequält wurde. Gleichzeitig versucht eine andere Polizistin, eine Frau vor deren gewalttätigen Ehemann zu schützen, und ein Privatdetektiv fahndet nach einem verschwundenen Teenager. Bald wird deutlich: Die Fälle sollten besser nicht getrennt behandelt werden – und die Polizei hetzt den Ereignissen lange Zeit gnadenlos verspätet hinterher. So oder so stehen bei Andreas Winkelmann die Frauen im Mittelpunkt, die Männer kommen nicht besonders gut weg.

Die Soziopathen sind unter uns
Ein Soziopath, ein zutiefst amoralischer Mensch treibt im beschaulichen Lüneburg sein Unwesen. Dieses Monster in Menschengestalt hat kennt nur ein Ziel. Er will das Duell gegen die Polizei und alle anderen wirklichen und vor allem eingebildeten Gegner gewinnen – und wenn es zahllose Menschenleben kostet.

Im Verlaufe von „Bleicher Tod“ erfahren wir – soviel Bildungsroman will der Autor seinen Lesern dann doch zumuten – nicht nur, was den Soziopath ausmacht, sondern auch, dass einer von 25 Bürgern dieser unsympathisch-gefährlichen Spezies zuzurechnen ist. In jedem durchschnittlichen U-Bahnwagen sitzen also zwei potentielle Mörder, Triebtäter oder Folterknechte. Wen diese Vorstellung schreckt, der sollte sich vermutlich auf „Bleicher Tod“ besser nicht einlassen.

Tatort: Lüneburg

Am Anfang steht ein leichtes Kopfschütteln: Andreas Winkelmann tut gerade so, als sei das eher überschaubare niedersächsische Örtchen eine Metropole. Das wird man ihm aber genau so nachsehen können wie die Vorstellung es gäbe coole deutsche Polizisten. Denn spätestens, wenn er die Provinz im norddeutschen Winterchaos beschreibt, wirkt die Örtlichkeit äußerst glaubwürdig karg, kalt und unwirtlich. Selbst derjenige, der noch nicht auf einer der unzähligen Nebenstraßen ins Nirgendwo der norddeutschen Tiefebene unterwegs war, kann sich bei der Lektüre von „Bleicher Tod“ vorstellen, dass es selbst hartgesottenen großen Kerlen einen gehörigen Schrecken einjagt, wenn ein Unbekannter im Dunkeln an ihre Fensterscheibe klopft. Insofern ist Winkelmann, der ausdrücklich keinen Regionalkrimi geschrieben hat, mit einfachen Mitteln eine erinnerungwürdige Schilderung des Tatorts Norddeutschland gelungen.

Andreas Winkelmann, Bleicher Tod, Goldmann, 9,99€

VÖ: November 2011