Gianrico Carofiglio nervt mit bildungsbürgerlichen Attitüden

21 Nov

Guido Guerrieri ist ein merkwürdiger Mensch. Der Italiener ist Anwalt, ehemaliger Boxer, einsamer Wolf – und offenbar nicht ausgelastet. Jedenfalls lässt der Mittvierziger von einem Kollegen überreden, einen „Fall“ zu übernehmen, der so gar nicht in sein Arbeitsgebiet fällt.

Der Fall einer vermissten Studentin

Die Studentin Manuela, wie Guerrieri aus Bari stammend, ist nach einem gemeinsamen Wochenende mit Freunden in einem Landhaus in Apulien auf dem Heimweg verschwunden und wird mittlerweile von den Eltern seit Monaten verzweifelt vermisst. Die Polizei findet keine Spuren, die sie auf der junge Frau, die in Rom studiert, voranbringt und ist kurz davor, die Akte zu schließen. Das soll Guerrieri im Auftrag der Eltern verhindern – und so wird aus dem Anwalt ein Privatdetektiv.

Viel kann der gute Mann nicht unternehmen, aber er spricht mit Freunden der jungen Frau und stößt auf Ungereimtheiten – und am Ende eher zufällig sogar auf die Lösung.

Viele literarische und popkulturelle Referenzen

Guido Guerrieri ist ein merkwürdiger Mensch. Und das ist die Schuld von Gianrico Carofiglio, der sich den Anwalt für seinen Roman „In ihrer dunkelsten Stunde erdacht hat. Guerrieri hält seitenweise Monologe, in denen er sein Handeln beziehungsweise Nichthandeln erklärt. Für beinahe jede Lebenslage hält er eine literarische oder popkulturelle Referenz bereit. Ein klassischer Bildungsbürger eben. Einer, der in einer Schwulenbar mit einem ehemaligen Callgirl über Fromm und andere philosophiert und mit einer 23-Jährigen schläft, obwohl er sich vorher sehr gründlich und folgerichtig selber erklärt, dass das vermutlich keine gute Idee ist. (Es soll sich herausstellen, dass es sogar eine außerordentlich schlechte Idee war).

Gianrico Carofiglio hat das Ziel aus den Augen verloren

Gianrico Carofiglio hat ein zwiespältiges Buch geschrieben. Zwar findet er immer wieder gute Bilder und eine schöne, elegante Sprache, auch bewegt er sich auf intellektuell auf einem hohen Niveau. Leider lässt er das, wie man heute wohl so sagt, „ständig raushängen“. Das allein könnte man ihm angesichts vieler hübscher Einfälle nachsehen, wenn er dabei nicht gleichzeitig das wichtigste Ziel für einen Krimiautoren aus den Augen verloren hätte: Eine spannende Geschichte zu erzählen. Die Reflektionen über das Leben und wie es sein sollte, lesen sich zwar immer wieder amüsant, verschleppen aber das Tempo ungemein, auch leidet unter der Vielfalt der Gedanken die Originalität des Plots: Zu vorhersehbar geht die Geschichte am Ende aus. So ist „In ihrer dunkelsten Stunde“ weniger als Krimi-Unterhaltung, sondern eher als intellektuelle Entspannungsübung für Bildungsbürger geeignet.

 

 

Tatort:Bari

Guido Guerrieri läuft gerne nachts durch seine Heimatstadt Bari und Gianrico Carofiglio lässt den Leser daran teilhaben. So erschließt sich dieser Teil Süditaliens seinem Leser. Wenn man dem Autor glauben darf, ist Bari eine heruntergekommene Stadt, die ihren Reiz vor allem im Verfall entfaltet. Den Fabrikruinen und stillgelegten  Schloten stellt Carofiglio eine überholt wirkende Grandezza italienischen Lebensstils entgegen. Wenn sich die Bürger des Landes, so wie vom Autoren skizziert, tatsächlich den Café ins Büro kommen lassen, sich außerhalb der Arbeit nur zwischen Edelimbissen und Restaurants bewegen und bereits am Vormittag literweise Wein oder anderen hochprozentigen Alkohol in sich hineinschütten, dann muss es nicht mehr wirklich verwundern, dass die EU-Kommissare in Brüssel die Wirtschaftsleistung der Südeuropäer eher kritisch-distanziert beobachten.

Gianrico Carofiglio, In ihrer dunkelsten Stunde, Goldmann, 17,99€