In Karin Slaughters finsterer Provinz gibt es keine Lichtgestalten

24 Nov

 

Bei Karin Slaughter sind die Abgründe besonders tief, die dunklen Seelen extrem düster. Wie kaum eine andere ihrer Generation gräbt sich die junge US-Amerikanerin besonders weit in den schlammigen Teil des Grundes, auf dem die amerikanische Gesellschaft ruht. Seit mittlerweile zehn Jahren schreibt Slaughter Thriller die von kranken Seelen, verwirrten Geistern, religiösen Wahn und bösartigen Menschen bevölkert werden. Das Besondere dabei: All diese Eigenschaften finden sich bei diesen tiefschwarzen Skizzen der US-amerikanischen Provinz nicht nur bei den Tätern. Auch die Ermittler in den Thrillern aus Georgia haben meist zumindest beschädigte Persönlichkeiten.

Wenig Mitleid mit dem Personal
Das, und die Tatsache, dass Slaughter nicht eben rücksichtsvoll mit dem Personal ihrer Romane umgeht, machen den großen Reiz ihrer Thriller aus. Im bislang letzten Werk beispielsweise brachte sie Jeffrey Tolliver, Polizeichef in einem kleinen Nest und bisheriger Hauptermittler, gemein durch eine Rohrbombe ums Leben. Diese Rücksichtlosigkeit sorgt dafür, dass die Thriller trotz einer mittlerweile recht stolzen, langen Reihe keine Abnutzungserscheinungen zeigen, was bei Krimiserien verständlicherweise sonst schon mal passiert.

Eine traumatisierte Ärztin mischt sich ein
Im neuesten, bislang neunten Roman von Slaughter, „Tote Augen“, kann der Leser nun dessen Frau Sara Linton, ehedem Kinderärztin und Leichenbeschauerin, auf dem mühsamen Weg zurück ins Leben beobachten. Linton ist in die nächst größere Stadt gezogen und arbeitet als Ärztin in der Notaufnahme. Dort schickt ihr die Autorin, damit die Eingliederung nicht zu einfach wird, eine brutal misshandelte Frau ins Behandlungszimmer, eine weitere gleich in die Autopsie. Bei der Untersuchung der lebensgefährlich verletzten und traumatisierten Frau erwachen bei allen Problemen die alten Instinkte und sie beginnt sich in die Ermittlungen einzumischen. Das ist auch dringend nötig, denn die beiden zuständigen Polizisten vom Georgia Bureau of Investigation, Will Trent und Faith Mitchell, bekommen immer mehr ähnlich gelagerte Fälle mit tödlichen Ausgang „auf den Tisch“. Da sie bei ihren Ermittlungen nicht recht vorankommen und zu allem Überfluss schnell klar wird, dass der Täter eine weitere Frau verschleppt und in seiner Gewalt hat, drängt die Zeit – und jede Hilfe ist, wenn schon nicht willkommen, so doch dringend benötigt.

Keine Lichtgestalten in finsteren Wäldern
So wie Sara Linton haben auch Trent und Mitchell ihre Last zu tragen. Es gibt in den dunklen Wäldern amerikanischen Kernlandes eben keine Lichtgestalten.  Im Vergleich zu den Wahnsinnigen und Perversen, die im Auftrag Slaughters die abscheulichsten Verbrechen begehen, wirkt jeder seelische Krüppel – solange er nur die Finger vom Mordwerkzeug lässt – beinahe schon normal.

Kriminalroman mit magnetischer Wirkung

Diese literarisch verarbeiteten Abgründe sind immer wieder ein Fest für Krimileser. Zumindest für diejenigen, die an härterer Kost ihre Freude haben. Der Thrill entsteht schließlich auch dadurch, dass Slaughter die abscheulichsten Untaten mit Phantasie und Liebe zum Detail aufschreibt. Das ist natürlich nicht immer schön, aber die US-Amerikanerin formuliert den Schrecken auch in „Tote Augen“ wieder beinahe schon teuflisch gut, so dass ihre Romanen eine geradezu magnetische Wirkung entfalten. Der Leser findet, wie von einer Kompassnadel gesteuert, immer wieder den Weg zurück und klebt dann unwiderstehlich angezogen an den Seiten.
Tatort:Georgia

In den USA gibt es lange, einsame Straßen durch finstere Wälder, in die kaum ein Mensch je seinen Fuß setzt. Dieses Amerika der Hinterwäldler beschreibt Karen Slaughter in ihren Romanen immer wieder gekonnt. Die Städte wirken anonym, wie glatte, kantenlose Körper, in denen kein Halt zu finden ist, spätestens in den Vororten werden Konturen sichtbar. Hinter den gepflegten Fassaden tun sich Risse auf, die immer tiefer werden, je weiter man sich von den Epizentren städtischen Lebens fortbewegt. Slaughter gewährt ihren Leser einen kurzen Blick hinter diese Risse und die dunklen Räume, die sich dahinter auftun. Die Kunst bei diesen Beschreibungen, die so sorgfältig erdacht sind, liegt darin, dass der Leser aus dem europäischen Ausland nie sicher sein kann, ob der Schrecken der Provinz wirklich allein der Fantasie der Autorin entsprungen ist.

Karin Slaughter, Tote Augen, Blanvalet,

VÖ: November 2011, 19,99€