Zwei Schweden gelingt ein sensationelles Krimi-Debüt

28 Nov

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt bewegen sich auf einem sehr schmalen Grat. Die beiden Schweden haben die Figur des Sebastian Bergman erfunden. Dieser ist kurz gesagt ein Arschloch. Der Psychologe verletzt jeden, der ihm über den Weg läuft, führt ein höchst unproduktives Leben und ist auf eine erbärmlich rücksichtslose Art sexsüchtig.

Ein ausgemachter Widerling im Zentrum des Geschehens

Der durchschnittliche Leser hat allzu oft im Beruf, wenn er vom Pech verfolgt wird (da hat man ja eher eine Wahl) auch im Privaten mit unsympathischen Widerlingen zu tun: Weshalb, so die Frage, sollte man sich das auch noch lesend in einem Krimi antun. Bei Sebastian Bergman begründen Hjorth und Rosenfeld die Antwort damit, dass der Mann ein genialer Geist ist, und wie kaum ein anderer in der Lage, Verbrechen aufzuklären. Die beiden Schweden haben dabei die Raffinesse, zwar ein tragisches Unglück in die Vergangenheit ihres Ermittlers einzubauen, als Rechtfertigung lassen sie es jedoch nicht gelten. Ihr Psychologe ist abstoßend aber zugleich auch ungemein interessant.

Hjorth und Rosenfeldt gelingt ein überragendes Debüt

Der neue Krimi aus Schweden „Der Mann, der kein Mörder war“ ist vor allem wegen der intelligent erdachten Figuren ein überragendes Debüt. Das gesamte Personal, vom ermittelnden Kommissar über dusseligen Polizisten, die Zeugen und das Opfer, hat eine kunstvoll erdachte, eigene Geschichte zu erzählen. Hjorth und Rosenfeldt ist es gelungen, den mit Abstand besten Krimi zu schreiben, der in diesem Jahr aus ihrer schwedischen Heimat auf den Markt gekommen ist. Die vorher eher skeptisch stimmende Ankündigung, dass es eine ganze Reihe von Romanen um den eigenwilligen Psychologen geben soll, lässt bereits jetzt ungeduldig auf die Fortsetzung hoffen.

Hjorth und Rosenfeldt fallen auch deshalb nicht vom schmalen Grat, auf dem sie sich literarisch bewegen, herunter, weil sie zum „Privatier“ Sebastian Bergman ein Team der Reichsmordkommission um Chef Torkel Höglund erdacht hat, dass als Gegengewicht zum Unsympathen wirkt. Auch das Quartett um Spurensicherin, Computer-Experten und talentierte Nachwuchs-Polizistin hat jeweils Probleme zu schultern, kommt aber angenehm „normal“ daher.

Schwierige Ermittlungen nach dem Mord an einem Teenager

Die Polizeichefin der Kleinstadt Västeras ruft die Beamten zu Hilfe, nach dem ein zunächst vermisster Teenager tot und schwer verstümmelt aufgefunden wird. Torkel Höglund und seine Kollegen machen sich auf den Weg ins Landesinnere und begegnen dort Sebastian Bergman, der nach dem Tod seiner Mutter in seiner Heimatstadt versucht, sein ererbtes Haus loszuwerden. Wider besseres Wissen lassen sich Höglund und Bergmann, die sich von früherer Zusammenarbeit her kennen, erneut auf einander ein. Das führt – nicht nur, weil Bergmann, zu allen möglichen Zeuginnen und Verdächtigen ins Bett steigt und seine ganze eigene, vom Fall losgelöste Agenda verfolgt – zu Konflikten, die Höglunds Team beinahe zu sprengen drohen. Das Team kann weitere Morde nicht verhindern und gerät unter Druck, eine Lösung zu präsentieren. Einfache Erklärungen kann aber insbesondere Sebastian Bergmann nicht akzeptieren und bringt daher die Ermittler nach mehreren Umwegen doch noch auf die richtige Spur

 Beiläufige Gesellschaftskritik

Hjoth und Rosenfeldt verzichten in ihrem Debüt auf die große Gesellschaftskritik, sie widerstehen der Versuchung, sich ein Megaverbrechen mit eingebauter Verschwörungstheorie auszudenken. Sie haben einen blitzsauberen Kriminalfall um die ganz alltäglichen Lügen und Leidenschaften alltäglicher Menschen erdacht. Sie erzählen beinahe beiläufig von der Tristesse des Lebens in der Provinz, von den Problemen Heranwachsender – und bringen, aber das nur ganz nebenbei, sehr subtil eine gehörige Portion kritische Betrachtung modernen Lebens in ihrem Krimi unter.

Vergleiche sind ja immer ein wenig problematisch, und die Verlagsbranche hofft ja immer auf einen Coup, wie er mit den Romanen Stieg Larssons gelungen ist. Wenn man sich also zu einem solchen Vergleich hinreißen lassen möchte, könnte Sebastian Bergmann, den Thron besetzen, den Henning Mankell geräumt hat, nachdem er Kurt Wallander in den Altersruhestand geschickt hat.

 

Tatort:Västeras

Es ist schwierig, in Schweden einen Ort zu finden, der noch nicht von literarischen Polizisten und Spurensicheren untersucht worden ist. Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt versuchen deshalb auch gar nicht erst, einen neuen, aufregenden Tatort zu erdenken. Sie beschreiben das vielen Lesern vertraute, die schwedische Provinz. Das wiederum gelingt mit einfachen Mitteln sehr gut. Allein die Versuche der Polizisten etwas Brauchbares zum essen zu finden, erzählen mit einigen wenigen Sätzen die ganze Tristesse einer gesichtslosen Kleinstadt jenseits des Pippi-Langstrumpf-Idylls. In dem Västeras der beiden Autoren wird deutlich, dass Elend nicht immer etwas mit Armut zu tun haben muss.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, der Mann, der kein Mörder war, Rowohlt, 14,95€

VÖ: November 2011

Einen Text von mir über das Buch gibt es auch in der Literarischen Welt.