Jack Reacher, ein anachronistischer Held im intellektuellen Retro-Design

7 Dez

Es gibt Menschen und Situationen, die sind nicht gut für den Blutdruck. Ein Taxifahrer in der Großstadt, der sich offenkundig nicht im Straßenverkehr auskennt und sich dennoch weigert, zielführende Ratschläge entgegenzunehmen. Ein Bahn-Mitarbeiter mit marketing-getränkter Freundlichkeit, der einem doch wieder nur nicht erklären kann, weshalb auch der nächste Zug nicht fahren wird. Ein vermeintlicher Freund, der einen ohne jedes Schuldbewusstsein über den Tisch zieht. Ein nur scheinbar freundlicher Chef, der seinem Mitarbeiter kalt lächelnd den Stuhl unterm Hintern wegzieht.  Mit steigenden diastolischen Werten und brodelnden Magensäften wachsen auch bei bravsten Bürgern, die sonst ordentlich den Müll trennen und tierlieb jede Spinne ins Freie tragen, die übelsten Gewaltphantasien mit einem Meer von Blut und schrillen Schmerzensschreien.

Ermittler mit schlagkräftigen Argumenten

Genau für diese Situationen könnte Lee Child seinen Jack Reacher erfunden haben. Der ehemalige Militärpolizist walzt sich gnadenlos durch die USA. Der gute Mann, der das Leben eines Stromers führt, gerät – selbstverständlich unverschuldet – immer wieder in die schwierigsten Konfliktsituationen und löst diese mit einigen gekonnt geführten Schlägen und Tritten. Meist liegen nach diesen „Diskussionen“, die Reacher führt, zwischen vier bis sechs kräftig gewachsene Gegner auf den Brettern.

Ein Ausgleich für geplagte Reisende

Für den geplagten Leser mit Gewaltphantasien liefert Lee Child mit seinen Geschichten so eine Art Tele-Karthasis, die eine reinigende Wirkung ausübt. Das ist vermutlich einer der Gründe, weshalb die Reacher-Romane vor allem in Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen seit Jahren turmhoch ins Auge fallen. Der gemeine Reisende im unfreiwilligen Standby-Modus, der sich mit Bodenpersonal, Stewardessen oder gar Bahnbediensteten herumschlagen muss, braucht fürs Seelenheil einfach einen gewissen Ausgleich. Da kommt Jack Reacher mit seiner ganz speziellen Problemlösungskompetenz gerade recht.

Das beste Mittel gegen Turbulenzen

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb sich die Krimis von Lee Child besonders gut als Reiselektüre eignen. Sie sind hinreichend einfach geschrieben, dass auch ein laut schnarchender Sitznachbar den Fluss der Geschichte nicht weiter stört und so spannend konstruiert, dass sich auch schwere Turbulenzen in elf Kilometer Höhe perfekt weglesen lassen.

Jack Reacher zwischen Hoffnung und Verzweiflung

In seinem neuesten Fall „Outlaw“ wird der kernige Reacher, bei dem sich der kritische Leser merkwürdig anachronistisch in eine Welt mit Werten der 50er Jahre zurückversetzt fühlt, politisch. Der durchtrainierte Landstreicher mit militärischem Hintergrund gerät in die tiefste Provinz, zwischen die Nester Hope und Despair. In letzterem herrscht ein Unternehmer über eine „Firmenstadt“, in der ein Patriarch die Geschicke der gesamten Stadt bestimmt. Dort werden Fremde nicht gerne gesehen und junge Menschen verschwinden spurlos.

Lee Childs Kommentar zum Irak-Krieg

Jack Reacher mischt sich ein und stößt zusätzlich auf einen merkwürdigen Militärposten. Lee Child setzt sich mit dem Irak-Krieg auseinander, zerlegt dabei die pathetisch-verlogene Doktrin, nach der die US-Armee nie einen Soldaten „zurücklässt“ und thematisiert die den „unpatriotischen Akt“ der Desertation. Das war bei Erscheinen des Buches vermutlich provozierend. Jetzt, rund drei Jahre später, und aus der geographischen Ferne wirkt der Roman und seine Themen jedoch tatsächlich  sehr weit weg, auch deshalb entfaltet „Outlaw“ nicht die ganz große Wirkung. Für Reisende oder Urlauber, die sich auf eine eher schlicht geschriebene, schnörkellose und raubeinige Geschichte einlassen mögen, ist der neue „Reacher“ jedoch gut geeignet.

 

 

Tatort:Colorado

Wenn man sich eine Karte der USA anschaut, fällt der Bundesstaat Colorado zunächst dadurch auf, dass er sehr genau umrissene Konturen hat. Ein präzise gezeichnetes liegendes Rechteck beschreibt die Grenzen. Das sagt beinahe alles. Colorado ist, mal abgesehen von den schicken Ski-Resorts in den Rocky Mountains, ein Staat, durch den die Amerikaner auf der Suche nach grüneren Weiden hindurchgezogen sind. Nur wenige blieben hier hängen. Es waren in erster Linie diejenigen, die auf dem Weg aufgaben. So bechreibt Lee Child in „Outlaw“ die US-Provinz. Man weiß nicht, welche Ödnis schwerer zu ertragen ist: Die Einsamkeit in schier endlosen ausgetrockneten Ebenen aus Geröll und Gras oder die lähmende Tristesse in den Straßen der Kleinstädte, in denen Pickup-fahrende Hinterwäldler den Ton angeben. Dass Lee Childs diese Stimmung eingefangen und lakonischen Sätzen wiedergegeben hat, gehört zu den Stärken von „Outlaw“. Hier kann man den Kriminalroman mit viel Spaß als Reiseführer lesen: Als ultimativer Guide zu Zielen, die man getrost umfahren sollte.

Lee Child, Outlaw, Blanvalet, 19,99 €

VÖ: November 2011