Selbst im beschaulichen Bremen gibt es Raum für das Verbrechen

16 Dez

Die Freie und Hansestadt Bremen ist im Rest der Republik eigentlich nur für zwei Dinge bekannt. Stellvertretend für das Land steckt jeder einzelne Bürger unentrinnbar bis zu den Ohren in Schulden und die Stürmer des ortsansässigen Fußballclubs treiben mit ihren permanenten Fehlschüssen selbst dem hartgesottensten Butenbremer die Tränen in den Augen. Ansonsten zeichnet sich die einstmals blühende Hafenstadt durch weitgehende Ereignislosigkeit aus. Ausgerechnet in dieses norddeutsch-spröde Idyll verlegt Rose Gerdts ihre Krimis – die gute Frau kann aber auch nicht anders, schließlich ist sie Reporterin bei der lokalen Tageszeitung.

Ermittlungen nach einem „Bombenalarm“
Geerdts hat die Kommissare Frank Steenhoff und Navideh Petersen erfunden. Die beiden werden in „Schattenschmerz“ frühmorgens in eine innerstädtische Wohnsiedlung mit angeschlossenem Park gerufen. Ein Mitarbeiter des Grünbauamtes ist beim Rangieren im Park über eine Mine gefahren. Das kostet seinem Kollegen das Leben. Da unmittelbar darauf eine weitere Mine gefunden wird, werfen die Behörden die ganz große Maschine an und beginnen, in allen möglichen Löchern nach Terroristen zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache nicht, wie die beiden ursprünglich mit der Ermittlung betrauten Polizisten schnell herausfinden.

Aus dem Bauch einer Behörde
„Schattenschmerz“ ist ein solide konstruierter Kriminalroman. Die Geschichte ist stimmig und für einen Krimi hinreichend verwickelt aufgeschrieben. Die Figuren sind sympathisch und sprachlich bewegt sich Gerdts ebenfalls auf einem qualitativ sehr guten Niveau. Dennoch bleibt am Ende ein ambivalentes Gefühl zurück. Gelegentlich erscheint „Bombenalarm“ einfach zu gut recherchiert. Die Beschreibungen aus dem Kommissariat wirken absolut glaubwürdig, aber will der Leser wirklich wissen, wie es in deutschen Amtszimmern zugeht? Vermutlich eher nicht. Auch die Figur der Kommissarin Navideh Petersen lässt zwiespältige Gefühle zurück. Die junge und natürlich umwerfend gut aussehende iranisch-stämmige Polizistin, emanzipierte sich durch eine Heirat früh von ihrem konservativen Elternhaus und lebt seither ein selbstbestimmtes Leben als Polizistin mit wechselnden sexuellen Präferenzen. Kurz, eine Figur wie sie der Dozent im Workshop für kreatives Schreiben vermutlich lieben würde, die aber in eine Bremer Polizeirevier so gar nicht passen will. Ähnliches gilt auch für die anderen Figuren.

Durchschnitt auf hohem Niveau
Vielleicht liegt hier das Problem: Figuren und Handlung sind gut konstruiert, der Roman ist sehr solide aufgeschrieben, bleiben bei allem Realismus aber nicht immer glaubwürdig. So bleibt der Roman auf hohem Niveau doch nur durchschnittlich. Letztlich reiht sich „Schattenschmerz“ in den stetigen Produktionsfluss von Regionalkrimis ein, die seit geraumer Zeit in die Buchhandlungen drängen. In diesem Genre ragt der zweite Krimi von Rose Gerdts bei aller Nörgelei aus der Masse heraus und eignet sich beispielsweise bei einer weihnachtlichen Zugfahrt bestens als Reiselektüre.

 

Tatort:Bremen

Bremen ist eine nette kleine Großstadt. Auch wenn das Land chronisch pleite ist, entstehen an beinahe allen Rändern seit Jahren neue Siedlungen aus willkürlich hingewürfelten charismafreien Legoland-Häusern. Bremen nagt sich immer mehr in die umgebenden Wiesen, Fleete und Deiche hinein. Dieses karge Umland gehörte neben dem Hafen trotz (oder vielleicht sogar wegen) der unterschwelligen Tristesse zu den schönsten Seiten der Stadt. Beides gerät in Bremen unter die zivilisatorischen Räder. Beides kommt bei Rose Gerdts nicht vor. Alle anderen wichtigen Orte, der Marktplatz, die Böttcherstraße, die Wallanlagen, das unvermeidliche „Viertel“, das Weserufer und das von Villen überzogene Reichenviertel Oberneuland findet seinen Raum in „Bombenalarm“. Der Kriminalroman eignet sich gleichermaßen als Heimatroman und als literarische Visitenkarte für Bremen-Neulinge.

Rose Gerdts, Schattenschmerz, Rowohlt, 9,99€
VÖ: Dezember 2011