Mark Pearsons „Blutbeute“: Ein Thriller als Seifenoper

19 Dez

Jack Delany ist Ire und Polizist. Er lebt und arbeitet in London. Genauer gesagt treibt er seit dem Tod von Frau und ungeborenem Kind eher ziellos und selten nüchtern dahin – und soll nach dem Willen seiner Chefin doch wieder in seinen Job einsteigen.

Kate Walker hat sich dummerweise auf Jack Delany eingelassen, der sich aber wegen seiner toten Frau nicht auf eine neue Beziehung einlassen will. Die Rechtsmedizinerin betäubt ihren Kummer im Pub und wacht am nächsten Morgen ohne jede Erinnerung an der Seite eines fremden Mannes auf. Der Fremde, so vermutet sie, hat sie betäubt und vergewaltigt.

Seifenoper oder Kriminalroman?

Die wichtigsten Figuren in „Blutbeute“ haben eigentlich völlig ausreichend mit sich selber und ihren Problemen zu tun. Da Mark Pearson keinen Stoff für eine ambitionierte Seifenoper sondern einen Krimi gesammelt hat, legt er seinem geplagten Team noch einige Frauenleichen vor die Füße, die – größeren Schrecken gibt es für die Einwohner der britischen Metropole vermutlich nicht – an die Opfer des bekanntesten aller Serienmörder, Jack the Ripper, erinnern.

Ein verworrener Fall

Der Polizist Delany beginnt zu ermitteln und muss feststellen, dass der Fall nicht nur außerordentlich verworren ist, sondern ihn mehr zwingt, sich mit seiner Vergangenheit und seinem aktuellen Leben auseinander zu setzen, als ihm das lieb sein kann.

Stark im Zentrum, blass an den Rändern

Mark Person hat einen spannenden Thriller geschrieben, bei dem allerdings stellenweise nicht klar wird, was im Vordergrund steht: Die Suche nach einem brutalen Serienmörder oder die persönlichen und Beziehungsprobleme der Protagonisten. Beinahe alles kreist in dem mit sprachlich einfachen aber soliden Mitteln aufgeschriebenen Kriminalroman um das Beziehungsgeflecht von Delany und Walker. Hier ist Pearson glaubhaft und stark. Die eine oder andere Nebenfigur, wie die der karrieregeilen, eitlen und geltungssüchtigen Fernsehreporterin, die sich mit allen Mitteln hochzuschlafen versucht, bleiben dagegen eindimensionale Stereotypen..

Wer bei seiner Krimilektüre nicht mit dem Problemen anderer Menschen behelligt werden will, der sollte von Blutbeute besser seine Finger lassen. Wer jedoch das Drama in der Seifenoper, die man so Leben nennt, auch beim Lesen zu schätzen weiß, der ist mit dem London-Thriller bestens bedient.

 

Tatort:London

Jack Delany ist Ire, den es nach London verschlagen hat. Das Leben des Polizisten spielt sich allen Klischees nach folgerichtig meist in Pubs ab. Hier hält sich Delany auf, hier führt er, so scheint es, die meisten seiner Gespräche. Dennoch ist „Blutbeute“ kein Kneipenführer. Pearson beschreibt ein London jenseits von Finanzdistrikt und Notting Hill. Es ist ein heruntergekommenes, bestenfalls spießig-kleinbürgerliches London, in dem Mörder und Polizisten ihr Katz-und-Maus-Spiel betreiben. Viel Raum nehmen die Beschreibungen des „Tatort:London“ ansonsten nicht ein. Immerhin erfährt man, dass auch im Londoner Vorortpub – so viel  Lebensart muss sein – beim irischen „Herrengedeck“ aus Whiskey und Guinness sich letzteres erst setzen muss. Keine ganz neue, aber immerhin eine nicht ganz unbedeutende Information für den Pub-Neuling.

Mark Pearson, Blutbeute, Goldmann, 8,99€

VÖ: Dezember 2011