Paul Cleave schickt seinen Ermittler in einen ungleichen Kampf

22 Dez

Chistchurch scheint kein gutes Pflaster für Verkehrsteilnehmer zu sein.  Nach einem Unfall liegt die Frau von Theo Tate im Koma. Das Unglück, bei dem auch seine Tochter ums Leben kamn, brachte den Polizisten derart aus dem Gleichgewicht, das er im Suff seinerseits eine junge Frau anfuhr. Das kostete ihn seinen Job und einige Monate Gefängnis.

Serienmörder mit gnadenlosen Plänen 

„Die Totensammler“ von Paul Cleave setzt mit der Entlassung Tates aus dem Knast ein. Genau an dem Tag, an dem ihn ein ehemaliger Kollege vor dem Gefängnis einsammelt, wird in der neuseeländischen Stadt die junge Frau, die er einst überfuhr, von einem Unbekannten verschleppt. Nach diesem etwas kompliziert anmutenden Auftakt geht es sehr einfach weiter. Es entwickelt sich eine Dreiecksjagd, in dem zwei Serienmörder dem Ermittler gegenüberstehen. Tate hat dabei das „Glück“, dass auch die Serienmörder nicht wirklich miteinander arbeiten. Der Ex-Polizist lernt schnell, dass dem verschleppten Opfer, mit dem er durch den Unfall verbunden ist, nicht mehr viel Zeit bleibt, bevor einer der beiden Serienmörder seine kranken Pläne in die Tat umzusetzen beginnt.

Die Faszination des vorhersehbaren Schreckens

Paul Cleave erzählt seinen Psycho-Thriller aus drei Perspektiven. Neben dem Polizisten dürfen auch die Serienmörder, ein scheinbar brillanter Geist und ein vorgeblich zurück gebliebener Außenseiter ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Zwar weiß der Leser so immer schon, welcher Wahnsinn als nächstes ansteht, aber gleichzeitig ersteht durch den erwartbaren Schrecken ein zusätzliches Spannungsmoment.

Paul Cleave setzt in „Die Totensammler“  ganz auf den Grusel, den die „Stimmen“ der Serienmörder auslösen, seine Konstruktion löst Abscheu aus, aber auch den Drang, der Geschichte unbeirrt zu folgen, um die Gewissheit zu erlangen, dass so viel Bosheit, wie sie Cleave aufhäuft, am Ende nicht erfolgreich sein darf.

Krimi ohne Ballast

Dem Australier Cleave ist mit seinem jüngsten Roman ein ungemein fesselnder Krimnalroman gelungen, weil er den Plot auf ein unbarmherziges Duell reduzierte und dabei der Tradition angelsächsischer Thriller-Autoren folgend auf jeglichen Ballast verzichtete, der den Spannungsfluss stören könnte: Es gibt also weder herausragend formulierte Sätze, noch elegische Betrachtungen noch gesamtgesellschaftliche Analysen. Es gibt nur zwei Dinge: Spannung und Tempo. Für einen gelungenen Thriller kann das ausreichen, bei  „Die Totensammler“ genügt es vollauf.

 

Tatort: Christchurch

Man kann sich vom anderen Ende der Welt kaum vorstellen, dass sich in Christchurch abgesehen von hungrig blökenden Schafen überhaupt irgendetwas aufregendes ereignen könnte. Wenn man Paul Cleave glaubt, ist die neuseeländische Stadt auf der Südinsel ein immer mehr herunterkommender Hort der Verderbtheit, in dem Gangs und Graffiti das Bild der Straßen dominieren. Viel mehr verrät der Australier nicht über seinen Heimatort, der demnach auch durch die Gier der Spekulanten zu einem seelenlosen Ort verkommt. Immerhin erfährt der Leser, dass es in der Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern, die im vergangenen Jahr von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, im Sommer heiß wird, so heiß, dass der Lack der Autos Blasen wirft. Diese alles erdrückende Sommerhitze beschreibt Cleave bei aller Sparsamkeit szenischer Modellierung glaubwürdig nachfühlbar. Insofern erschließt sich dem deutschen Leser, für den es wohl kaum eine weiter entferntere Stadt auf dem Globus gibt,  auch dieser Tatort.

Paul Cleave, Die Totensammler, Heyne, 8,99€

VÖ: Dezember 2011