Inge Löhnig treibt ermittelnde Abziehbilder durch eine spannende Geschichte

29 Dez

Eugen Voigt ist stolz auf seinen Rekord. 999 Mal hat er vom Fenster seines Schlafzimmers aus Verkehrssünder fotografiert, notiert und angezeigt. An einem kalten Winterabend wartet er auf die Nummer 1000. Die runde Zahl, so viel sei schon mal verraten, soll dem Frührentner kein Glück bringen. Sein aussichtsreichster Kandidat, ein Architekt, den er bereits 22 Mal anzeigte, wird auf dem Weg zu seinem Wagen von einem dunklen Geländewagen überrollt. Da die Bremslichter des SUV nicht leuchten, folgert der Hobby-Denunziant sehr schnell, dass es sich um Mord handeln muss. Der pensionierte Querulant bleibt sich selber treu und informiert nicht wie sonst bei jedem Bagatelldelikt die Polizei. Er zieht auf eigene Faust los –und das soll ihm nicht gut bekommen.

Ein Serienmörder mit verdrehtem Rechtsempfinden
Die Ermittler um Kommissar Tino Dühnfort gehen auch ohne „Hilfe“ des pflichtbewussten Denunzianten Voigt schnell von Mord aus. Trotz akribischer Polizeiarbeit kommen die Beamten jedoch nicht voran. Erst als ein weiterer Mord passiert, eine junge Frau in einem See ertränkt aufgefunden wird, beginnt sich ein Muster abzuzeichnen. Beide Opfer, so erkennen die Polizisten, waren in ihrer Vergangenheit in Unfälle verwickelt, bei denen sie als Verursacher in Verdacht standen. In beiden Fällen wurden die Ermittlungen jedoch eingestellt. Die Münchner Kommissare haben es mit einem Serienmörder zu tun; mit einem Fanatiker, der offenkundig beschlossen hat, das Recht in seine eigenen Hände zu nehmen und vermeintlich ungesühnte Schuld mit seinem persönlichen Richtspruch einzulösen.

Eine ordentlich inszenierte Kriminalgeschichte
Die Geschichte ist gut erdacht. Inge Löhnig hat sich das komplexe Thema um Verantwortung und Rechtfertigung für ihren Kriminalroman „Schuld währt ewig“ erdacht und spannend aufgeschrieben. Wie es sich für einen ordentlich inszenierten Krimi gehört, zieht die Geschichte einige Schleifen und kommt nach sauber konstruierten Wendungen zu einem überraschenden Ende mit eingebautem Showdown.

Figuren ohne Tiefe
Auch wenn „Schuld währt ewig“ eine interessante Geschichte rund um die Frage von Schuld, Schicksal und Gerechtigkeit erzählt und als Krimi durch ordentliche Spannungsmomente überzeugt, bleibt Löhnigs Roman als Gesamtwerk bestenfalls Durchschnittsware. Das liegt in erster Linie an der Figurenzeichnung. Das gesamte Personal bleibt bestenfalls zweidimensional. Das gilt für den denunziatorischen Rentner, aber auch für den männlich-verständnisvollen Kommissar, die sich (wie alle anderen Figuren) nicht über die Tiefe klischee-beladener Abziehbilder erheben können. Das gesamte Ensemble, das mit „modischen Kurzhaarfrisuren“, „breiten Schultern“ und „schelmischen Grinsen“ beladen ist, wirkt so, als hätte sich eine mit Sushi-Bar-Besuchen, Aftershow-Partys und Yoga-Kursen vollkommen ausgelastete Mode-Redakteurin einer Frauenzeitschrift in ihrem I-Pad recherchiert, wie es bei Menschen im richtigen Leben „da draußen“ zugehen könnte. Das Ergebnis: Furchtbar nett bis zuckersüß, nur ganz gelegentlich differenziert – und knapp daneben.

Ironiefrei aufgeschriebener Büro-Alltag
Dass die Autorin gut recherchiert hat und die Behörden- und Abteilungsbezeichnungen der Münchner Polizei akribisch, (vermutlich) sehr korrekt und leider völlig ironiefrei wiedergibt, macht die Sache auch nicht unbedingt besser. Wie schon zuletzt beim Bremen-Krimi „Schattenschmerz“ von Rose Gerdts bleibt die Erkenntnis, dass die deutsche Polizei und ihre Beamten ganz bestimmt unter schwierigsten Bedingungen einen ausgezeichneten Job machen, für die fiktive Kriminalliteratur aber einfach zu bieder bleiben. Mit ihren Vorschriften, Dienstplänen und real existierenden Horizonten sind sie im Vergleich zu zynischen Schweden, draufgängerischen Amerikanern oder melancholischen Finnen einfach notorisch unsexy.

 

Tatort:München
Rund um München gibt es ein gut ausgebautes Autobahnnetz, das es zulässt, seinen Porsche auszufahren. Das zumindest erfährt man in Inge Löhnigs „Schuld währt ewig“, der in der bayrischen Landeshauptstadt angesiedelt ist. Abgesehen von dieser Information bleibt die Stadt im Roman eher blass. Man erfährt noch, dass der Abriss alter Gebäude den Charakter den Stadt verdirbt. Ansonsten? Nette Cafés, interessante Designer-Möbelhäuser und ein pittoreskes ländliches Umland. Die Stadt ist in Löhnings Roman nicht besonders wichtig, also austauschbar. Wenn man nur einige Straßennamen und selten eingestreute mundartliche Wörter austauschen würde, könnte der Roman problemlos auch in Frankfurt, Köln oder Stuttgart spielen. Das ist nicht schlimm, für einen Regionalkrimi aber doch etwas zu wenig.
Inge Löhnig, Schuld währt ewig, 446 Seiten, List, 8,99€
VÖ: Dezember 2011