Stieg Larssons Verblendung: Ein moderner Klassiker

12 Jan

Über 15 Millionen verkaufte Exemplare, seit dieser Woche zwei Verfilmungen und mindestens vier verschiedene Titel: „Männer die Frauen hassen“, The Girl with the Dragon Tattoo“, Teil 1 der „Millenium-Trilogie oder auch einfach nur: „Verblendung“. Stieg Larssons erster Kriminalroman ist, obwohl er in Deutschland erst 2006 erschien, bereits jetzt ein Klassiker.

Ein Journalist deckt dunkle Geheimnisse auf

Die Geschichte ist deshalb auch hinlänglich bekannt. Der Journalist Michael Blomkvist nimmt nach einer beruflichen „Panne“ eine Auszeit und sucht für einen Großindustriellen nach dessen vor Jahrzehnten ermordeter Nichte. Dabei hilft ihm Lisbeth Salander, die formal unmündig, sozial schwierig und intellektuell genial ist. Bei der Suche nach Harriet Vanger, der Ermordeten, deckt Blomkvist allerlei dunkle Geheimnisse und eine brutale Mordserie auf.

Die Kriminalromane Larssons erlangten auch deshalb schnell beinahe schon mythischen Charakter, weil der erste, wie auch die folgenden beiden Bände, posthum erschienen. Der Autor erlag erst fünfzigjährig 2004 einem Herzinfarkt. Alle drei Bände kamen beinahe zeitgleich auf den Markt und bescherten dem Leser gefühlte 3000 Seiten geballten Lesestoff. Alle Krimi-Genießer konnten also tief in eine andere Welt eintauchen.

Zwei Hauptdarsteller mit Anstand

Die besondere Qualität Larssons zeigte sich bei der Trilogie in der Zeichnung der Figuren. Mikael Blomkvist und vor allem Lisbeth Salander sind hochkomplexe Figuren mit jeder Menge Brüchen in ihrer Biographie, mit Problemen beladen oder von Dämonen verfolgt. Trotz aller Schwierigkeiten erscheinen beide als anständige Figuren, die in einer dreckigen Welt voller Intrigen, Verrat und Abgründe versuchen, stets das Richtige zu tun. Dass sie sich dabei gegen Drogendealer, Auftragsmörder, Sadisten und verbrecherische Staatsbedienstete durchsetzen und ganz altmodisch immer wieder auf eine Art Happy End zusteuern, hilft der emotionalen Nähe zu Blomkvist und Salander auf die Sprünge. Man muss die beiden einfach mögen.

Wie seine Vorbilder, die Großeltern des Schwedenkrimis, Maj Sjöwall und Per Wahlöö hatte er seine Serie zudem als Dekalog angelegt. Das schreibende Paar hatte in den sechziger Jahren mit der zehnbändigen Serie um Kommissar Martin Beck das Genre des politischen Krimis wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert. Wie die beiden beschrieb Larsson kein skandinavisches Idyll. Auch sein Schweden wird von bestenfalls unfähigen, eher schon korrupten Polizisten bevölkert, von Drogenbanden, Psychopathen und Serienmördern, die ihren Raum finden, weil eine untätige Regierung, aber auch die meisten Einwohner wegsehen. Der kritischee, harte Blick auf Schweden fesselt gerade wegen der Gnadenlosigkeit eines verletzten Liebhabers.

Ein Stoff für Literaturwissenschaftler?

Wegen des Erfolges haben sich mittlerweile bereits Heerscharen von Kritikern und Literaturwissenschaftler mit der „Millenium-Trilogie“ beschäftigt und – man ist versucht zusagen, natürlich – jede Menge abwertende Urteile gefällt. Larssons Beschreibung der journalistischen Arbeit sei nicht korrekt, er habe sich selber inszeniert. Außerdem verstehe er nichts von Spannung und überhaupt seien die Plots überfrachtet und verworren. Wie auch immer. Stieg Larsson hat eine einmalige, großartige, wuchtige Krimi-Trilogie geschrieben, die jeder, der sich für Krimis interessiert und sie noch nicht kennt, schleunigst lesen sollte. Mehr muss man Angesichts des Bekanntheitsgrades dazu nicht sagen.

 

Tatort:Schweden

Michael Blomkvist und Lisbeth Salander kommen bei ihren Recherchen herum. Der interessanteste Ort ist vermutlich Hedeby. Hier geschah einst das Verbrechen, hier ermittelt das ungleiche Paar. Auf der abgeschiedenen Insel, die nur mit einer einzigen Brücke mit dem Festland verbunden ist, steht ein prächtiges Herrenhaus der Industriellenfamilie und zahlreiche mondäne Villen, die aber mit dem Bau des 19. Jahrhunderts nicht mithalten können. Einen treffenden Eindruck der (erdachten) Insel, verblichener großbürgerlicher Pracht und der Einsamkeit weitläufiger Wälder zeigt zumindest die schwedische Verfilmung, die Idyll und Tristesse Nordschwedens gut wiedergibt. Ob die Hollywood-Produktion da mithalten kann, muss sich erst noch zeigen. Sie soll sich aber dicht an der Vorlage entlangbewegen

Stieg Larsson hat es aber, ganz ohne bewegte Bilder, verstanden ein vielschichtiges Schweden zu skizzieren. Das familiäre, hemdsärmelige Bullerbü-Bild kommt in wenigen Momenten ebenso vor, wie eine düstere Seite, in denen das organisierte Verbrechen, korrupte Behörden oder einfach nur soziale Kälte die Lebensregeln bestimmen.

Stieg Larsson, Verblendung, Heyne, 688 S. 9,95€

VÖ: 2006
Autor: