Spannend, aber oberflächlich: Tim Weavers „Blutiges Schweigen“

16 Jan

Journalisten sind oft Menschen, die nichts Ordentliches gelernt haben und doch oft glauben, von allem ein bisschen was können. So ist das wohl auch mit David Raker. Einst reiste er als Reporter um die Welt, um spannende Geschichten zu finden und aufzuschreiben. Seit dem Tod seiner Frau zieht er als Getriebener durch London und spürt vermisste Kinder auf.  Auf sein Umfeld wirkt er dabei gelegentlich besessen, aber die Quote stimmt: Bisher hat er alle, die er gesucht hat, wiedergefunden – ein Trost für alle, die sich mit gesundem Halbwissen durchs Leben schlagen. Aber das nur nebenbei.

Suche nach einem verschwundenen Mädchen

Über ein halbes Jahr ist jetzt die siebzehnjährige Megan Carver verschwunden. Die Polizei lässt es bei der Suche eher locker angehen, und so wenden sich die Eltern an David Raker. Der ehemalige Journalist beginnt, Fragen zu stellen und stößt schnell auf Ungereimtheiten. Ganz so perfekt, wie ihm versucht wird, vorzugaukeln, war der angeblich strebsame, zurückhaltende Teenager offenbar doch nicht. Merkwürdiges entdeckt der Mann auch bei der Polizei, die offenbar ein Geheimnis zu verbergen versucht.

Blutige Spur eines Serienmörders

David Raker findet neue Spuren und muss feststellen, dass Megan Carver einem abgrundtief bösen Verbrecher begegnete, der nicht einfach nur ein Mädchen entführte, sondern mit mörderischer Präzision einem perfiden Plan folgt. Dass der Kidnapper sich zu allem Überfluss an einem Ort herumtreibt, an dem einst ein Serienmörder seine blutige Spur legte, lässt nichts Gutes ahnen.

Ein illustres Ensemble

Der britische Journalist Tim Weaver hat sich David Raker erdacht und schickt seinen Ermittler in „Blutiges Schweigen“ bereits zum zweiten Mal durch die Straßen von London. Weaver geht bei seinem jüngsten Kriminalroman wieder in die Vollen. Er hetzt dem wackerem Raker ein bunt gemischtes, spannungstreibendes Personal auf den Hals: Der Ex-Journalist muss sich mit bösartigen Kommissaren, einem wild wordenen, abgehalfterten Polizisten auf Rachfeldzug, einem sadistischen Arzt, einem russischen Bandenchef und allerlei anderen dubiosen Figuren herumschlagen. Dieses illustre Ensemble lässt die Vielzahl der Handlungsstränge erahnen, die Weaver zu seinem Krimi verwebt.

Nervenkitzel pur

Gleichzeitig drückt der Brite auf Tempo. Nach handelsüblich geruhsamen Auftakt lässt Weaver weder seinem Hauptdarsteller noch seinen Lesern Zeit für eine Verschnaufpause. Die Handlung verdichtet sich auf einige Stunden, in denen Raker sich ein Duell mit einem gnadenlosen, genialischen Gegner liefert. Das ist ungemein spannend. Weaver versteht es, seinen Lesern mit allen Mitteln an seine Story zu fesseln. Insofern liest sich „Blutiges Schweigen“ sehr gut. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Früh schält sich der Gegner Rakers heraus, der Plot lässt bei aller Spannung, bei allem Nervenkitzel überraschende Wendungen vermissen. Dazu kommt, das Weaver viele Ideen hat, dabei Handlungsstränge andeutet aber nicht konsequent verfolgt. Außerdem erscheinen die Figuren jenseits des „Hauptdarstellers“ blass, so dass am Ende der Eindruck perfekt inszenierter, aber in Teilen doch recht oberflächlicher Thriller-Unterhaltung hängen bleibt.

 

Tatort:London

Ost-London ist der Schauplatz von „Blutiges Schweigen“, aber Tim Weaver modelliert die Stadt nach eigenem Bedarf um. Neben kleinbürgerlichen Wohnsiedlungen spielt in erster Linie ein vergessener Ort die Hauptrolle in seinem Kriminalroman. Ein dunkel zugewucherter, verflucht wirkender Wald und ein Stadtteil mit Geisterstadtcharakter, der von Fabrikruinen und verfallenen Häusern geprägt wird, verbergen finstere Geheimnisse aus Vergangenheit und Gegenwart. Das ist natürlich weder real noch realistisch, aber außerordentlich gut ausgedacht. Der aus einer Gothic Novel in den modernen Krimi entsprungene Schauplatz trägt wesentlich zum fesselnden Spannungsbogen von „Blutiges Schweigen“ bei. Da macht es dann auch nichts, dass der Tatort komplett erdacht ist, weil man ihn sich so oder so ähnlich gerne in London vorstellen mag.

Tim Weaver, Blutiges Schweigen, Goldmann, 505 S., 9,99€, VÖ: Januar 2012