Kristina Ohlssons „Aschenputtel“: Debütantin mit Geltungssucht

26 Jan

Es gibt Menschen, die überfallen einen unmittelbar nachdem man sie kennen gelernt hat, mit ihrer vollständigen Lebensgeschichte inklusive aller Erfolge und Misserfolge. Meistens hat man dann ja das Pech, dass man sich ausgerechnet dann gerade nicht unsichtbar machen kann.

Ausgedehnte Beziehungsfragen

Ein wenig geht einem das so mit Kristina Ohlssons „Aschenputtel“. Die Schwedin  hat sich für ihr Krimi-Debüt ein Trio erdacht, dass in Stockholm eine Fahndungsgruppe bildet, und fällt, ohne das der Leser Zeit hätte, sich langsam anzufreunden, gleich mit der Tür ins Haus. Über Seiten hinweg erklärt, ohne hier allzu sehr ins Detail zu gehen, beispielsweise die Zivilpolizisten Frederika Bergman in inneren Monologen die Vorzüge und Schattenseiten einer Beziehung zu einem deutlich älteren, verheirateten Mann. Peter Rydh wiederum dürfen wir dabei beobachten, wie er seine Ehe mit seiner depressiven Frau durch wiederholte Seitensprünge mit einer Kollegin an die Wand fährt.

Kristina Ohlsson übertreibt

Es ist ja immer gut – oft sogar eine besondere Qualität – wenn die Figuren in Kriminalromanen nicht nur Funktionsträger sind sondern auch eine menschliche Komponente besitzen, und es ist sicherlich auch Geschmackssache, aber Ohlssons Versuche, dem Leser ihre Protagonisten näher zu bringen, wirken aufdringlich. Das ist außerordentlich schade, denn abgesehen davon hat die junge Schwedin mit „Aschenputtel“ einen sehr ordentlichen, fesselnden Krimi geschrieben.

Ein Telefonat mit Folgen

An einem verregneten Sommertag wird durch eine Signalstörung der Schnellzug von Göteborg nach Stockholm zu einem außerordentlichen Halt gezwungen. Eine junge Frau nutzt die Gelegenheit für ein Telefonat. Dabei verpasst sie den Zug. Das hat fatale Folgen. Bei der Ankunft in der schwedischen Hauptstadt sitzt ihre Tochter, die sie schlafend im Zug zurückgelassen hatte, nicht mehr auf ihrem Platz. Das Mädchen bleibt verschwunden. Sämtliche Ermittlungen der eilig hinzugerufenen Fahndungsgruppe um Rydh, Bergman und ihren Chef Alex Recht bleiben erfolglos.

Jagd nach einem Serienmörder in „Schneewittchen“

Spätestens als das Kind ermordet in einem nordschwedischen Provinznest aufgefunden wird, akzeptieren alle Beteiligten, was die Außenseiterin bei der Polizei, Frederika Bergman, bereits vermutet hatte: Nämlich, dass es sich wohl nicht nur um ein aus den Fugen geratenes Familiendrama handelt. Schnell wird klar, dass die Polizei einen Wahnsinnigen stoppen muss – und dass es eilt, weil weitere Morde nicht lange auf sich warten lassen.

Wer sich an den eingangs erwähnten Beziehungsgeschichten nicht stört, wird mit einer abgründigen Kriminalgeschichte belohnt, die einmal mehr die finsteren Seiten menschlicher Seelen offen legt. Das ist enorm spannend, auch weil Kristina Ohlsson nach dem arg menschelnden Auftakt sich im Verlauf ihres Buches auf die wesentlichen Stränge ihrer Geschichte konzentriert und die Handlung zielgerichtet vorantreibt.

 

Tatort: Stockholm

Viel Lokalkolorit gibt es nicht. Dass der Roman in Schweden spielt, erkennt man eigentlich nur an der Bezeichnung des Schnellzuges X-2000 von Göteborg nach Stockholm. Sonst deuten nur die Namen und vielleicht einige landestypische Befindlichkeiten auf die geographische Einordnung hin. Diese europäische „Beliebigkeit“, die natürlich überhaupt nicht stört, wird dem Krimileser in den kommenden Monaten vermutlich noch häufiger begegnen. In Abgrenzung zu vielen Regionalkrimis setzen immer wieder Autoren auf Spannung als alleiniges bestimmendes Moment ihres Romanes, dann ist es tatsächlich gleichgültig, ob ein Krimi in Stockholm, Salzburg oder Hannover spielt. Das ist letztlich nur für die Leser bedauerlich, die bei ihrer Lektüre gerne in fremde, exotische oder außergewöhnliche Orte „reisen“ wollen.

Kristina Ohlsson, Aschenputtel, Limes, 474 S., 19,99 €

VÖ: 2011