Helen Black entwertet mit fröhlich-plapperndem Ton ein ernstes Thema

3 Feb

Archaische Strukturen in Familien, Unterdrückung von Mädchen und Ehrenmorde sind ein ernstes Thema. Das Leben islamisch geprägter Familien in einem westlichen Umfeld, das Integration verlangt und das Fremde nicht zu akzeptieren bereit ist, ebenso. Um so wichtiger ist es, dass die Probleme angesprochen werden. Ob nun das Genre des Krimis der richtige Ort ist, scheint angesichts Helen Blacks „Schuldspruch“ allerdings fraglich.

Rebellen mit Rechtsbuch in „Schuldspruch“

Die Britin lässt in ihrem dritten Kriminalroman eine junge Frau sterben. Sie wurde mit Schlaftabletten vergiftet, also ermordet. Außerdem war die Frau mit pakistanischen Wurzeln schwanger. Für die Polizei ist der Fall schnell klar. Einer ihrer Brüder wird verhaftet. Die Behörden gehen von einem „Ehrenmord“ aus. Hier kommt die Anwältin Lilly Valentine ins Spiel. Die Rebellin mit Rechtsbuch wird von der Familie des Jugendlichen engagiert und glaubt trotz erdrückender Beweislast und fundamentalistischer Attitüde an die Unschuld ihres Mandanten. Sie beginnt zu ermitteln und stellt alsbald die Polizei bloß. Bei ihren Recherchen stößt sie nicht nur auf sturköpfige, ignorante Polizisten, sondern auch auf kriminell-gewalttätige selbsternannte „Heilige Krieger“ und natürlich auf eine Mauer des Schweigens mitten in der Weltmetropole London.

Helen Black zeichnet Figuren ohne Tiefe

Helen Black arbeitet, wenn sie nicht gerade Krimis schreibt, als Anwältin für Jugendstrafrecht in London, kennt also Materie und Umfeld einigermaßen genau. Dennoch kann „Schuldspruch“ trotz eines leidlich guten Spannungsbogens und des eigentlich dramatischen und deshalb mitreißenden Grundthemas nicht wirklich überzeugen. Letztlich verliert sie sich bei ihren Versuchen, dem Leben islamischer Einwanderer auf den Grund zu gehen, in einem Labyrinth schwarz-weiß gezeichneter Pappfiguren – mit scharfen Konturen, aber ohne Tiefe. Das ist dramatisch gezeichnet, aber für die Diskussion um Integration nicht wirklich hilfreich.

Ein amüsant-oberflächlicher Ton

Die schreibende Anwältin hilft ihrer Sache auch in stilistischer Weise nicht wirklich weiter. Sie verfällt immer wieder in einen seicht-plaudernden Ton amüsant-oberflächlicher Frauenliteratur. Protagonistin und ihr Umfeld vermögen auch Angesichts der dramatischsten Zuspitzung noch fröhlich-plappernde Dialoge, die an einen dieser „Beim-nächsten-Frosch wird-alles-anders“-Frauenstoffe erinnern und ein merkwürdig antiquiertes Frauenbild zeichnen. Und das ist wirklich nicht besonders lustig, gleich wie die Zielgruppe aussieht.

 

Tatort:London

Ein kuscheliges Cottage für die Anwältin, eine heruntergekommene Mietskaserne für ihre Assistentin, Gettho-artige Siedlungen für die Moslems, ein Schlachterladen für einen verdächtigen Moslem. Man kann sich schon vorstellen, dass es im weniger feinen Norden Londons genau so aussieht, man ahnt aber gleichzeitig, dass hier leere Fassaden zu einer „stimmigen“ Kulisse zusammengeschoben wurden. Wie das bei Stereotypen und Klischees so ist, steckt auch in den London-Schilderungen Helen Blacks, ein Quentchen Wahrheit, ob man die Vereinfachungen aber tatsächlich für bare Münze nehmen sollte?

Helen Black, Schuldspruch, Fischer, 378 Seiten, 8,99€

VÖ: Januar 2012