Frode Granhus erzählt von Bosheit und Verderbtheit im Nordatlantik

8 Feb

Wie weit muss Liebe reichen? Muss schon das kurze Zögern, seiner Ehefrau ohne weiteres Nachdenken eine Niere zu spenden, als Beleg hartherziger emotionaler Kälte gelten? Ist der Versuch, sein eigenes Kind vor dem Zugriff von Therapeuten und Psychopharmaka zu bewahren, ein Zeichen väterlichen Beschützerinstinkts oder doch nur grob fahrlässig?

Frode Granhus stellt in seinem neuen Krimi „Der Mahlstrom“ ganz beiläufig existenzielle Fragen. Es reicht ihm nicht, dass seine Kommissare sich mit Mördern, eingebildeten Rächern und anderem zwielichtigen Volk herumschlagen müssen. Der Norweger spendiert ihnen, als sei ihnen mit dem Dienstsitz Lofoten nicht schon genug Unbill in Form von Wetter, Natur und Einsamkeit aufgebürdet, noch allerlei private Probleme. Wer sich die Figuren Granhus anschaut, kommt – angesichts der lapidaren Schilderungen – nicht um die Formulierung „Irgendwas is immer“ herum.

Ein Mahlstrom an Leichen auf den Lofoten

Irgendetwas ist tatsächlich auf den Lofoten. Niklas Hultin wird zu obskuren Funden an der Küste seiner neuen Heimat kurz oberhalb des Polarkreises gerufen. Irgendjemand setzt seltene Porzellanpuppen in Bastkörben im Meer aus. Kurz nachdem die ersten dieser Puppen an den Stränden angespült werden, taucht die erste Leiche auf, die frappierende Ähnlichkeit mit dem Spielzeug aufweist…

Ein Krimi, spröde wie sein Tatort

Einige hundert Kilometer südlich wird Polizist Rino Carlson zu ebenfalls verstörenden Tatorten gerufen: Ein Unbekannter überfällt Männer, fesselt und foltert sie.Über lange Zeit lässt Granhus beide Handlungsstränge parallel ablaufen, bevor er sie auf den Lofoten zusammenführt. Die Spuren der Verbrechen führen in die Vergangenheit, aber auch in das Leben der Ermittler. Das liest sich am Anfang etwas sperrig, fügt sich rund um die komplizierten Leben der beiden Kommissare, die sich um problembeladene Angehörige kümmern müssen, aber zu einem spröden, aber funktionierenden Kriminalroman mit einem perfekten, temporeichen Show-Down zusammen.

Frode Granhus und das Leben auf den Lofoten

Die Menschen hoch im Norden scheinen in langen Wintern über viel Zeit zu verfügen, die sie dazu nutzen leicht versponnene Stoffe zu entwickeln. Auch wenn „Mahlstrom“ als Roman funktioniert, ist er zumindest gewöhnungsbedürftig. Man mag es kaum glauben, dass in derart menschenleeren Gegenden wie der Inselkette im Norden Norwegens soviel Verderbtheit und Boshaftigkeit versammelt sind. Und doch wird mit einer Lust gemordet, dass man bei allem geruhsamen Tempo des Insellebens, das sich auch stilistisch in den Seiten wiederfindet, am Ende kaum mit dem Zählen der Leichen hinterherkommt. Immerhin werden auch einige der existenziellen Fragen des Lebens beantwortet. Einige lässt Frode Granhus aber auch offen – und sich damit Raum für eine Fortsetzung…

 

Tatort:Lofoten

Es ist kaum Raum zwischen wildem Nordatlantik und der rauhen Bergwelt der Lofoten. Einsam schlängeln sich nur wenige Straßen dort entlang, wo die Natur Platz gelassen hat. Daneben drängen sich auf den rund 80 Inseln, die von etwas über20.000 Menschen bewohnt werden, noch Siedlungen in Buchten, kleben einige Hütten an  Berghängen. Es ist ein unwirtliche Gegend, die Frode Granhus beschreibt, aber eine, die von in besten Momenten atemberaubend schönen Natur dominiert wird. Viele lichte Momente gönnt der norwegische Autor seinen Lesern jedoch nicht. Meist sind die eisige Kälte des Meeres, die schneidende Wucht des Windes und die erdrückende Einsamkeit heruntergekommener Wohnhäuser spürbar. Aber das hat ja durchaus seinen Reiz für den Leser, der sich aus sicherer Entfernung in gut geheizten Räumen der Welt der Lofoten nähert.

Frode Granhus, Der Mahlstrom, btb, 383 Seiten, 9,99€,VÖ: Februar 2012