Ursula Poznanski: „Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte“

14 Feb

Bislang hat Ursula Poznanski Jugendbücher geschrieben, in dieser Woche stellt sie ihren ersten Kriminalroman vor. Ein äußerst gelungenes Debüt. Vor dem Erscheinungstermin von „Fünf“ habe ich die angenehm bodenständige Österreicherin getroffen und mit ihr über ihren Roman und die Arbeit daran gesprochen.

 

Was macht einen guten Ermittler im Kriminalroman aus?

Poznanski: Das möchte ich aus Lesersicht beantworten. Ich selber lese gern über Menschen – und weniger gern über Funktionsträger. Für mich zählt dabei, dass ich einer Figur begegne, mit der ich mich nicht unbedingt identifizieren können muss, die ich aber als Menschen wahrnehme. Darüber hinaus ist natürlich der Faktor Kompetenz sehr wichtig. Ich glaube nicht, dass es Spaß macht, einem Ermittler zu folgen, bei dem man das Gefühl hat, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Das heißt nicht, dass er nicht an Hindernisse stoßen darf, oder zwischendurch glaubt, das Handtuch werfen zu müssen, aber man muss es ihm zutrauen, dass er es am Ende irgendwie hinkriegt.

Es ist für Sie vermutlich schwierig, in dem konkreten Fall aus „Lesersicht“ zu argumentieren, aber wie würden Sie ihre Kommissarin Beatrice Kaspary beschreiben?

Poznanski: Sie hat ein Problem, das viele Menschen haben: Sie lädt sich immer zu viel auf und kann es daher nie allen Recht machen.  Dabei bewegt sie sich beruflich auf einem Niveau, auf dem sich beispielsweise eine Ärztin bewegt: Polizisten müssen sehr viel Verantwortung übernehmen, was das Leben viel schwieriger macht als beispielsweise das einer Autorin. Wenn ich einen Tag lang Unsinn schreibe, hat das deutlich weniger Folgen, als wenn eine Kommissarin einen Tag lang nicht bei der Sache ist. Beatrice Kaspary hat also allein durch ihren Beruf eine sehr große Fallhöhe, jeder Fehler zählt doppelt. Dazu kommt noch ihre sehr schwierige private Situation, ihre komplizierte Vorgeschichte. Dieses Zerrissensein zwischen Pflichten aller Art bewältigt sie aber, so denke ich, bei allen Selbstzweifeln ziemlich gut.

Ein zentrales Thema in „Fünf“ ist das Geocaching, eine moderne Version der Schnitzeljagd. In Ihren vorherigen Büchern haben Sie Computerspiele und Rollenspiele als Passepartout für ihre Handlungen verwendet. Sie scheinen immer Subkulturen in Ihre Geschichten einzubauen. Wie kommen Sie an diese Themen?

Poznanski: Nach meinem Empfinden ist es eher immer umgekehrt. Die Themen finden mich. Sie zünden einen Funken, aus dem heraus sich dann eine Geschichte entwickelt. Ich sitze also nicht da und denke, jetzt müsste endlich mal jemand was über Geocaching schreiben. Es ist eher so, dass ich über ein Thema stolpere, das dann meine Phantasie weckt. Insofern ist es eher zufällig, dass ich jetzt drei Mal ein spielerisches Grundthema in meinen Büchern hatte.

Was ist der besondere Reiz beim Geocachen?

Poznanski: Es ist eine Herausforderung, wie jede Art der Schatzsuche, auch wenn man natürlich nichts wirklich Wertvolles findet. Aber es beinhaltet das Messen zweier Geister: Der Eine versucht, etwas so zu verstecken, dass es der Andere nicht oder zumindest nur mit Mühe findet. Darüber hinaus hat es etwas Spielerisches, es ist mit Bewegung verbunden und reizvoll für alle, die gerne Rätsel lösen.

Im Kern des Geocachens steckt also das Prinzip der kindlichen Schatzsuche?

Poznanski: Manche Erwachsene würden das so nicht formulieren, aber in meinen Augen läuft es genau darauf hinaus. Man kann den eigenen Sammeltrieb „füttern“ und erlebt fast jedes Mal einen Adrenalinschub,  wenn man nach einer halbstündigen vergeblichen Suche „den Cache“dann  tatsächlich gefunden hat.

Das ist wohl die erwachsene Rechtfertigung für das Prinzip...

Poznanski: Gut möglich. Hinzu kommt dann noch die technische Spielerei mit dem GPS-Gerät – das wirkt auf den ersten Blick kompliziert mit all den Einstellungen und den Koordinaten, hat aber auch gerade daher einen zusätzlichen Reiz. Ich glaube, dass es sehr gesund ist für Erwachsene, wenn Sie ihrem Spieltrieb gelegentlich freien Lauf lassen.

Warum haben Sie die „Schnitzeljagd Ihrer Kommissarin nach Salzburg verlegt und nicht nach Wien, das in vielfacher Hinsicht näher liegend scheint?

Poznanski: Ich habe das Thema von vorneherein eher in Salzburg angesiedelt gesehen. Wien in ist in Krimi-Hinsicht bestens versorgt. Wichtig war es mir auch, keinen Regionalkrimi zu schreiben, und das wäre mir bei Wien vermutlich eher passiert. „Fünf“ ist ein allgemeingültiger Krimi, der zwar in Salzburg spielt, weil er einen konkreten Ort braucht, der ist aber nicht zwingend für den Plot. Salzburg ist zudem eine sehr schöne Stadt mit vielen Facetten, geographisch wie sozial, zu der ich eine langjährige, gute Beziehung habe. Schwierig fände ich es, einen Roman in einer Stadt anzusiedeln, die ich gar nicht kenne. Wien wiederum ist mir so vertraut, dass ich mich möglicherweise in Details verlieren würde.

Es ist tatsächlich auffällig, dass Sie keinen Regionalkrimi geschrieben haben. Der Ort spielt eigentlich keine Rolle, ihr Roman hätte genau so gut in Hannover spielen können…

Poznanski: Sehr schön, genau das wollte ich auch.

Dieses beinahe schon sterile Ambiente erscheint jedoch ambivalent. Ein Krimi, der einen exotischen Ort beschreibt ist oft sehr reizvoll. Andererseits hat es ja immer etwas Peinliches, wenn in einem Krimi zur geographischen Einordnung  regional erscheinende Floskeln a la „Küss die Hand, gnä’ Frau“ verwendet werden…

Poznanski: …Ich musste Hochdeutsch schreiben, sonst hätte ich den Roman schon allein durch die Sprache in die Reihe der Regionalkrimis eingeordnet. Zuviel Hochdeutsch ging aber auch nicht, denn ein Salzburger kann seine Einkäufe nicht in einer Tüte wegtragen. Das würde kein Österreicher sagen, der nimmt sein „Sackerl“. Das wiederum ist extrem regional gefärbt und reißt den Leser, der mit dieser Wortwahl nicht vertraut ist, aus dem Fluss. Das heißt, ich taste mich immer auf dem schmalen Grat der absolut neutralen Begriffe entlang, die man sowohl in Österreich als auch in Deutschland verwenden würde. Schließlich will ich auch nicht, dass ein Österreicher sagt, „das sind ja alle Deutsche“. Mein Ziel war es, dass „Fünf“ für alle hürdenfrei lesbar ist. Diese Regionalkrimis haben ja oft etwas drolliges – und dieser Effekt hätte zu meiner Geschichte überhaupt nicht gepasst.

Sie verwenden eine sehr klare Sprache, eine stark reduzierte, beinahe schon einfache Sprache. Wie bewusst haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Poznanski: Das ergibt sich, weil ich versuche, extrem nah an meinen Perspektivfiguren dran zu bleiben. Man denkt dann doch sehr selten in verschwurbelten Sätzen. Wenn ich dicht an der Perspektive meiner Figuren bleibe, gibt es nun mal keine Blickwechsel und seitenlange Betrachtungen von außen. Ich verwende zudem viele kurze Sätze, die die Unmittelbarkeit des Geschehens verstärken, weil ich glaube, dass dadurch eine gewisse Sogwirkung entsteht.

Das haben Sie bei Ihrem bislang letzten Jugendbuch „Erebos“ ebenfalls sehr konsequent durchgehalten. War der Wechsel von dem Jugend- zum Erwachsenenbuch schwer?

Poznanski: Es ist meinem Gefühl nach nicht wirklich ein Wechsel, weil ich weiter Jugendbücher schreiben werde: Ich meine, es ist eine Erweiterung, ich fahre jetzt auf zwei Gleisen. Ich würde mich auch wahnsinnig ungern festlegen und sagen, ich bin per definitionem Jugendbuchautorin oder Autorin von Thrillern für Erwachsene. Ich schreibe einfach Geschichten, die mich interessieren.

Ändert sich die Sprache?

Poznanski: Ein wenig. Die Ausdrücke sind andere, manchmal verwerfe ich meine erste Formulierung zugunsten einer einfacheren. Auch die Satzkonstruktionen sind anders. Im Jugendbuch beschneidet man sich bis zu einem gewissen Grad, man hat immer wieder Formulierungen im Kopf bei denen man denkt, „Die ist jetzt zu weit weg von den Lebenswelten der Jugendlichen“ und sucht dann etwas, was passender ist. Für Erwachsene schreibe ich meist ganz so, wie es mir in den Kopf kommt.

Sie bleiben bei Ihrem Buch sehr eng am Plot, den Sie einer angelsächsischen Tradition, folgend, ohne Schlenker vorantreiben. Könnten Sie mit dieser Einordnung leben?

Poznanski: Ich habe in letzter Zeit relativ wenige amerikanische Krimis gelesen. Wenn ich beeinflusst bin, dann eher aus der europäischen, stark sogar aus der skandinavischen Ecke. Ich habe beispielsweise Stieg Larsson mit Begeisterung gelesen, Mankell natürlich auch. Einflüsse gibt es auf unbewusster Ebene immer, aber ich versuche, meine eigene Linie zu finden.

Haben Sie beim Schreiben Vorbilder?

Poznanski: Peter Hoeg liebe ich heiß, schon rein sprachlich, aber auch von der Art wie er seine Figuren zeichnet, insbesondere in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. An diesem Niveau kratzen zu können, wäre toll. Nimmt man den Plotaufbau, ist J.K. Rowling phantastisch gewesen. Die ganze Welt hat versucht, vorherzusagen, wie sie ihre Geschichte weiterspinnt und am Ende auflöst, und sie hat es dennoch immer wieder geschafft, alle mit ihren Vermutungen gegen die Wand laufen zu lassen. Was das Legen falscher und das Verbergen richtiger Spuren angeht ist sie ein großes Vorbild.

Was macht einen guten Krimi aus?

Poznanski: Die Figuren, die das Buch über die reine Krimi-Handlung hinaus leben lassen. Ein überzeugender Plot, aber das ist vermutlich nicht krimi-spezifisch. Eine Handlung, die nicht von Beginn an durchschaubar ist. Optimalerweise sollte der Leser sich für mehr interessieren kann als das reine „Whodoneit“, und auf mehreren Ebenen gut unterhalten werden.

Muss der Leser in Abgründe gucken, auf die dunkle Seite der Seele geführt werden?

Poznanski: Das halte ich nicht für schädlich. Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte. Ein interessanter Antagonist ist für einen guten Krimi mindestens genauso wichtig wie ein glaubwürdiger Protagonist.

Haben Sie sich mal überlegt, warum die Menschen in diese Abgründe blicken wollen?

Poznanski: Ich denke, man wird mit den eigenen Ängsten konfrontiert, aber auf eine sichere Art. Man sitzt auf dem Sofa und hat Angst, aber eine wohlige Angst, ein Gruselgefühl ohne direkte Bedrohung, ähnlich wie bei Horrorfilmen. Das hat wohl eine Art Ventilfunktion: Es geht einem gut und notfalls kann man das Buch zuklappen; den bösen Mann im Keller gibt es nicht. Das halte ich für eine große Triebfeder bei Krimi- und Thrillerlesern. Wir haben es gerne spannend. Wir wollen rätseln und möglichst noch vor dem Ermittler wissen, wer der Täter war – aber die besten Krimis sind die, wo der Autor uns ein Schnippchen schlägt.