Irene Stratenwerth erfindet einen Krimi um eine Anwältin mit Herz

21 Feb

Die Figur der Kristina Wolland ist eine pure Fiktion – und zwar eine schlechte, weil sie zugleich Anwältin und eine guter Mensch ist. Dass sich Juristen tatsächlich mitfühlend in das Schicksal anderer Menschen hineindenken können, wird jeder bezweifeln, der sich während seines Studiums unbeabsichtigt einmal einer juristischen Fakultät und den gierigen Gestalten, die sie bevölkern, genähert hat. Insofern mag man kaum glauben, dass Kristina Wollank mit ihrer einer kleinen Straßenkanzlei die weniger privilegierten der Gesellschaft vertritt und sich überdies noch zum Vormund einer obdachlosen Freundin (!) bestimmen ließ. Aber das sind natürlich alles nur Vorurteile…

Irene Stratenwerth und ihre unwahrscheinliche Ermittlerin

Irene Stratenwerth hat diese unwahrscheinlichste aller Ermittlerinnen ausgerechnet im piekfeinen Hamburg angesiedelt: „Im wilden Osten dieser Stadt“ heißt der bereits zweite Kriminalroman um die unkonventionelle Anwältin mit dem Talent, sich Ärger aufzuhalsen. Ausgerechnet ihr „Mündel“, wenn man diesen Begriff angesichts von Alter und Lebensumständen der Obdachlosen Angie verwendend darf, wird tot aufgefunden. Die Umstände sind ungeklärt. Kristina Wolland weigert sich jedoch, an einen Unfalltod oder Selbstmord zu glauben. Kurz darauf verschwindet eine weitere Frau – und ihr Freund, ein Deutscher mit russischen Wurzeln, bittet die Anwältin um Hilfe. Es entspinnt sich ein Drama um Frauenhandel, osteuropäischen Banden und deutschen „Gutmenschen“, die genau genommen, wenig Gutes im Sinn haben.

Ermittlungen im Windschatten der Polizei

Angesichts häufig ausufernder Kriminalromane präsentiert sich „Im wilden Osten dieser Stadt“ schon rein äußerlich angenehm kompakt. Die Geschichte findet in einem überschaubaren Taschenbuch Platz und bietet Krimi-Unterhaltung für ein oder zwei verregnete Nachmittage oder eine sehr lange Zugfahrt. Die Lektüre fällt aber auch deshalb leicht, weil Irene Stratenwerth eine, wie man trotz aller Vorurteile zugeben muss, sympathische Ermittlerin auf die Suche nach Tätern und Opfern schickt. Besonders glaubwürdig ist die Figur der Hobby-Detektivin wider Willen dann aber deshalb, weil sie eigentlich weniger ermittelt, als vielmehr genervt einem Klienten bis an den äußersten Rand Europas folgt und dabei eher zufällig und im Windschatten der Polizei die entscheidenden Puzzleteile eines Rätsels zusammenfügt.

Ein solider Kriminalroman

Der „wilde Osten“ ist schwierig zu fassen. Die Geschichte ist im Vergleich zu vielen marktschreierischen Thrillern angenehm unspektakulär, ein beinahe altmodischer Kriminalroman, aber genau deshalb fehlt ihm gelegentlich das letzte Tempo, das mitreißende Spannungselement. Das gilt auch für die Sprache: Der Krimi ist solide, aber eben auch nicht besonders aufregend aufgeschrieben. Im Zentrum steht ein brisantes Thema und ergreifende menschliche Schicksale, aber in der Beschreibung menschlichen (männlichen) Fehlverhaltens erschöpft sich die Gesellschaftskritik. Insofern könnte ein Fazit lauten: „Im Wilden Osten dieser Stadt“ ist vielleicht kein großer, aber ein guter Krimi, der einen zuverlässig unterhaltend durch einen verregneten Nachmittag oder eine ermüdende Zugfahrt bringt. Und das ist ja auch nicht das Allerschlechteste…

 

Tatort:Hamburg

Hamburg ist eine reiche Stadt. Vor allem im Zentrum haben die Kaufleute und Unternehmer ihre Spuren hinterlassen. Prächtige Fassaden, herausgeputzte, belebte Straßen zeugen von altem, die Bauwut in Hafen- und Speicherstadt von neuem Reichtum. Etwas anders sieht es in den östlichen Vororten der Hansestadt aus. Hier werden die Fassaden schäbiger, die Straßen deutlich leerer, der Ton rauer. Dieses Hamburg, das in Reiseführern kaum vorkommt, beschreibt Irene Stratenwerth in ihrem Kriminalroman und zeichnet damit einen oft vergessenen Charakterzug des feinen Hamburgs. Beinahe ebenso interessant ist aber auch der Ausflug nach Odessa, den die Autorin ihrer Anwältin spendiert. Im äußersten Südosten Europas trifft Kristina Wolland auf den morbiden Charme einer einstmals mondänen Stadt, einer Stadt, die im Kommunismus niedergeschlagen und anschließend vom Kapitalismus ausgesaugt wurde. Dennoch ist die Stadt, wenn man der Autorin glauben darf, nicht klein zu kriegen, blüht bei aller Käuflichkeit in Nischen immer wieder jugendlich, optimistisches Leben, leuchtet, wenn auch blass, das Licht einer Zukunft.

Irene Stratenwerth, Im wilden Osten dieser Stadt, Rowohlt, 239 S., 8,99€

VÖ: März 2012