Eher Skizze als Thriller: Yves Ravey und seine „Buderliebe“

24 Feb

Es gibt Bücher, da reicht es schon, wenn man sie in die Hand nimmt – und schon fühlt man sich ein ganzes Ende klüger. So ist das auch mit „Bruderliebe“ von Yves Ravey. Ein kleines Bändchen vom Umfang eines schmalen Taschenbuches, allerdings mit Hardcover und einem edel-dunkel gestalteten Umschlag. Die ganze Gestaltung suggeriert schon: „Achtung! Nur für Intellektuelle“.

Meist stehen in derartigen Bändchen präzise formulierte Geschichten mit großartig erdachten Formulierungen zum Niederknien. Bei „Bruderliebe“ ist das alles etwas anders. Yves Ravey hat einen Krimi geschrieben: Zwei Brüder treffen nach 20 Jahren wieder aufeinander und beschließen die Tochter des Chefs des Jüngern, die zudem einst in dessen Zentrum des romantischen Interesses stand, zu entführen, um eine größere Menge Lösegeld zu erzwingen. Daraus entspinnt sich eine leidlich ränkevolle Geschichte.

Immerhin Raum für Interpretationen?

Dem schmalbrüstigen Umfang des Bändchens entsprechend, hat Yves Ravey eher die Skizze eines Thrillers verfasst als tatsächlich einen Kriminalroman. Vieles bleibt im Vagen, nur flüchtig angedeutet. Das lässt Raum für Interpretationen und könnte natürlich einen besonderen, mysteriösen Reiz entfalten. Hier ist es jedoch überwiegend banal. Außerdem entwickeln sich kaum echte Spannungselemente. Eine Todsünde für jeden Krimi.

Bedauerlicherweise erfüllt Ravey auch nicht die Erwartung an sprachliche Höchstleistung, die die Verpackung verspricht. Seine Kurzerzählung liest sich ordentlich, besticht aber nicht durch innovative Konstruktionen oder Beschreibungen, die auf den Punkt sensationell genau sitzen. „Bruderliebe“ ist so ein überflüssiges Buch, das noch nicht einmal Spaß macht – und klüger wird man auch nicht.

 

Tatort: Frankreich.

Viel erfährt man nicht vom Tatort. Die Handlung ist irgendwo in einem abgelegenen Bergkaff an der französisch-schweizerischen Grenze angesiedelt. Warum einer der beiden Brüder, ein Kämpfer (für wen eigentlich?) in Afghanistan ausgerechnet von der Schweiz aus nach Frankreich einreisen muss, bleibt vermutlich das Geheimnis des Autoren. Immerhin kann man sich die Ödnis abgelegener Bergwelten, mit der Yves Ravey in seine Krimi-Skizze unscharf hinterlegt, einigermaßen vorstellen. Landschaft und Menschen der Grenzregion wirken so, also sei die Zeit Ende der siebziger Jahre stehen geblieben. Eine Vorstellung, die auf den ersten Blick abscheulich wirkt, aus der Distanz aber ein gewisses, beinahe schon archäologisches Interesse weckt.

Yves Ravey, Bruderliebe, Kunstmann, 110 S., 14,95€

VÖ 23. Februar 2012