Hans Koppel zerstört in „Entführt“ gute Ideen mit billigen Effekten

2 Mrz

Kinder sollen ja bekanntlich um keinen Preis zu Fremden ins Auto steigen. Eines Abends begeht auch Ylva, lange erwachsen und selber Mutter diesen Fehler. Sie lässt auf dem Heimweg von der Arbeit von einem Paar im Auto mithnehmen und findet sich kurze Zeit später in einem Kellerverlies gefangen wieder.

Eine grausame Entführung in der schwedischen Provinz

Schritt für Schritt wird die junge Frau gedemütigt und von ihren Peinigern gequält. Über einen Fernsehmonitor kann sie zudem beobachten, wie das Leben ihres Mannes und ihrer Tochter unterdessen seinen Lauf nimmt, wie aus Verzweiflung, Trauer, später Routine und schließlich ein neues Leben wird.

Viele gute Ideen im Psychothriller

Eigentlich entwickelt Hans Koppel mit seinem Thriller „Entführt“ gleich mehrere sehr gute Ideen. Was passiert mit einem Menschen, der über einen langen  Zeitraum eingesperrt wird, wie kommen Hinterbliebene damit zurecht, dass ein Mensch einfach tatsächlich spurlos verschwindet, wie gehen sie mit Schuldgefühlen, Wut und Verdächtigungen von Nachbarn und Freunden um? Das alles sind Fragen, die aufkommen und interessant wären, beantwortet zu werden.

Hans Koppel liefert kaum Antworten

Leider deutet der Schwede Koppel, der den Psychothriller in seiner Heimatstadt Helsingborg angesiedelt hat, die inneren Konflikte nur an und lässt viele Fragen offen. Der Kriminalroman ist temporeich aufgeschrieben, der Tatort, ein scheinbares Vorortidyll, das zur Hölle wird, und viele überraschende Wendungen klug erdacht. Allerdings begleitet der Autor seine Figuren und ihr Leben in der Vorstadthölle nur an der Oberfläche. Über die Seelenqualen, die Verwandlung der Menschen, die er zu Beginn so raffiniert einführt, erfährt man sich so gut wie nichts. Er bleibt wie ein gebannter, aber letztlich uninteressierter Zuschauer auf Distanz.

Alles für die „Quote“?

Koppel setzt in erster Linie auf reißerische Effekte. Anders sind die wiederholt ausgemalten Vergewaltigungsszenen nicht zu erklären. Spätestens nach dem ersten Mal ist dem Leser klar, dass es sich der Entführung um eine besonders perfide Form der Rache handelt. Alle weitere Schilderungen sind überflüssig und schielen vermutlich auf eine perfide Weise auf die Quote bei einem Massenpublikum.  Insofern ist Hans Koppels Kriminalroman sogar im höchsten Maße ärgerlich.

 

Tatort: Helsingborg

Entführt ist beinahe ein Kammerspiel: Das Leben des Opfers spielt sich auf wenigen Quadratmetern im Kellerverlies eines Vororthauses ab. Über Helsingborg erfährt man, wenn das Leben des Ehemanns beschrieben wird,  jenseits der Schlafstadt, wie sie wohl überall in Europa zu finden ist, nur sehr wenig. Das ist kein Mangel, angesichts des Themas, das sich der Schwede Hans Koppel gesucht hat.

Hans Koppel, Entführt, Heyne, 352 S., 14,99€

VÖ: Februar 2012