In Hanna Winters „Opfertod“ legt ein Serienmörder eine Spur aus Leichenteilen

4 Mrz

Lena Peters hat es wirklich nicht leicht. Der Chef ist schwierig, die Kollegen versuchen sich in der Kunst des Mobbens und privat läuft es auch nicht viel besser: Sie verlor als Kind bei einem Unfall ihre Eltern, musste mit ansehen, wie beide im Autowrack verbrannten. Zu allem Überfluss schleppt sie als Ballast noch eine drogensüchtige, psychisch instabile Zwillingsschwester mit durchs Leben. Damit es für die junge Frau nicht zu leicht wird, hat sie zu allem Überfluss bei der Berufswahl nicht aufgepasst und muss als Psychologin und Profilerin für die Polizei Serienmörder und sonstige Psychopathen jagen.
Die junge Autorin Hanna Winter hat ihrer Protagonistin das schwer Bündel geschnürt – und gehört zu den stärkeren Seiten ihres neuesten Kriminalromans „Opfertod“, dass die Biographie dennoch funktioniert. Lena Peters ist eine sympathische Persönlichkeit, deren Probleme wohl dosiert über mehrere hundert Seiten verteil werden und so nicht aufdringlich wirken.

Profilerin Lena Peters jagt einen Serienmörder
Die Profilerin wird von der Berliner Polizei angefordert, um eine überaus unappetitliche Mordserie aufzuklären. Ein Unbekannter entführt scheinbar wahllos junge Frauen, um sie zu verstümmeln und zu ermorden. Jedenfalls findet die Polizei in Berlin gleich dutzendweise Frauenleichen, denen die unterschiedlichste Körperteile amputiert werden. Lena Peters soll ein Profil des Killers erstellen und muss schnell feststellen, dass sie bei ihren Kollegen auf Barrieren und ansonsten auf zahllose Ungereimtheiten stößt. Schnell wird sie zur Außenseiterin und ermittelt auf eigene Faust. Dass sie dabei in Gefahr gerät, bedarf keiner weiteren Erwähnung.

Eine sympathische Ermittlerin in einer Geschichte mit Lücken
„Opfertod“ ist ein zwiespältiger Kriminalroman. Hanna Winter hat, wie schon angedeutet, eine sympathische Hauptfigur und einen glaubwürdigen „Sidekick“ erdacht, die ein ermittelndes Duo ergeben, dem man gerne durch die Handlung folgt. Bei der Krimihandlung jedoch zeigt der Thriller Schwächen, obwohl die Grundidee ebenfalls durchaus gelungen ist. Bei den Details wirkt die Geschichte jedoch immer wieder konstruiert bis unglaubwürdig, oft hilft der Zufall, die Handlung voranzutreiben. Gelegentlich scheint es, als habe die Autorin auch keine Erklärung für das Geschehen, wisse nur, dass es eben irgendwie weitergehen muss. Auch die Motive des handelnden Personals, insbesondere des Bösewichts, werden nicht nur nicht erklärt, sondern bleiben gelegentlich unverständlich.

Hanna Winter bietet Unterhaltung für entspannte Leser
„Opfertod“ versteht also vor allem wegen des interessant erdachten Personals den geneigten, kleineren Mängeln tolerant gegenüberstehenden Krimi-Leser zu unterhalten, wird aber keinen bleibenden Eindruck als große Krimiliteratur hinterlassen. Da der Kriminalroman allerdings sehr entschieden als Serie angelegt ist, bleibt ja Hoffnung auf eine Fortsetzung, die Stärken ausbaut und Schwächen abstellt, so dass sich Lena Peters doch noch einen Platz im erinnernswerten Ermittler-Kreis sichert

 

Tatort:Berlin
Berlin scheint ein Dorf. Im Rekordtempo geht es jedenfalls durch die Stadt, von Spandau in den Wedding, nach Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain. Die weiten Wege, die dazwischen liegen, sind keiner weiteren Erwähnung wert. Insofern bringt „Opfertod“ die Stadt nicht wirklich näher. Dass eine – und sei es eine junge – Polizeimitarbeiterin in der Nähe der Boxhagener Straße in Friedrichshain wohnt, ist nur damit zu erklären, dass diese Adresse aus unerfindlichen Gründen immer noch als besonders interessant gilt. Ansonsten hagelt des gelegentlich Stereotypen. Das ist nicht schlimm. Berlin hält das aus. Die Hauptstadt hat zwar noch immer keinen besonderen Glamour-Faktor, aber als heruntergekommene Kulisse für zwielichtige Gestalten ist sie traditionell unschlagbar. Insofern funktioniert auch der Tatort Berlin für Hanna Winters „Opfertod“ sehr gut.
Hanna Winter, Opfertod, Ullstein, 318 S., 8,99€
VÖ: März 2012