Bernhard Jaumanns spannendes Portrait eines zerrissenen Landes

9 Mrz

Manchmal entscheiden auch bei der Verbrecherjagd Kleinigkeiten zwischen Erfolg und Misserfolg. In Windhoek beispielsweise kommt die Polizei bei der Verbrecherjagd nicht voran, weil auf einem Revier die Stifte fehlen, eine Zeugenaussage aufzunehmen. Ein Polizeibeamter hatte sie gestohlen, um seine Kinder mit Schreibutensilien für den Schulunterricht ausstatten zu können.

In Namibia besteht der Rassimus fort
Diese und viele andere Szenen aus dem Polizistenalltag Namibias beschreibt Bernhard Jaumann in seinem großartigen Kriminalroman „Steinland“. Sein zweiter Roman aus dem Süden Afrikas zeichnet erneut eine beeindruckende Skizze aus einem zerrissenen Land, in dem noch immer der Rassismus scharfe Grenzen zieht. Zum alten, unterschwellig fortbestehenden Rassismus der Weißen hat sich ein Rassismus der Schwarzen hinzugesellt. Dass die Aufhebung der Rassentrennung die Einteilung in Arm und Reich im Land nicht wesentlich verändert hat, verschärft die Konfliktlinien, ebenso die Erkenntnis, dass auch die neuen schwarzen Herren nicht wesentlich altruistischere Motive bei ihrer Politik leitet als einst die kolonialen Besatzer.

Bernhard Jaumann liefert mehr als eine spannende Verbrecherjagd
Wer von einem Krimi mehr erwartet als eine spannende Verbrecherjagd, wird „Steinland“ lieben. Jaumann erzählt viel vom Leben am der südlichen Ende des afrikanischen Kontinents. Auch wenn er eine deutlich positivere Lebenseinstellung hat, als der Südafrikaner Roger Smith, der in „Staubige Hölle“ ein Bild von beinahe apokalyptischem Ausmaß zeichnete, wird die ganze Härte des Alltages auf beinahe jeder Seite spürbar. Da Jaumann zudem einen außergewöhnlich guten Umgang mit der deutschen Sprache pflegt, wird das Lesen auch jenseits anspruchsvoller Inhalte zum Genuss.

Mord auf der Farm Steinland
Die Kriminalgeschichte greift exemplarisch die Probleme der namibischen Gesellschaft auf: Kommissarin Clemencia Garises wird zur Farm „Steinland“ gerufen. Deren Besitzer, ein Abkömmling deutscher Einwohner wurde ermordet, sein Sohn entführt, angeblich von Schwarzen, deren Spur in die Townships von Windhoek führt. Schnell wird deutlich, dass die Situation wesentlich komplexer ist, als die Polizei zunächst vermutet. Dass ihr Bruder Melvin offenbar in die Vorfälle verwickelt ist, macht die Sache für Kommissarin Garises nicht eben einfacher. Zu allem anderen ist Bernhard Jaumann mit seinem komplexen Handlungsentwurf auch noch ein überaus spannender Krimi mit überraschenden Wendungen und raffinierten Einfällen gelungen. Natürlich bremsen die komplexen Schilderungen des namibischen Lebens das Tempo. Dennoch: Ein perfektes Lesevergnügen.

Tatort:Namibia
„Die Steine schrieen aus dem Grau der Nacht. Sie seufzten nicht und jammerten nicht, es war kein Flüstern, kein Tuscheln, kein sachtes Wispern im Wind. Sie brüllten so laut, dass es in Elsa Rodensteins Ohren gellte…“ Erste Sätze sind in Romanen ja immer wichtig. Es soll sogar Menschen geben, die alle wichtigen ersten Sätze der Weltliteratur aufsagen können – eine schöne, wenn auch komplett überflüssige Kunst. Bernhard Jaumann sind drei überaus gelungene erste Sätze gelungen. Sie zeigen erstens, welches sprachliche Niveau den Leser auf den folgenden Seiten erwartet und zweitens sagen sie beinahe alles, was man über Namibia wissen muss.
Es ist ein karges Land, dessen „Reichtum“ mühsam dem Boden entrissen werden muss. Im Überfluss gibt es nur Wüsten und Steine. Es ist ein einsames, mühsames Leben, das die Farmer auch Nahe der Hauptstadt Windhoek führen. Auf der Farm „Steinland“, die Bernhard Jaumann stellvertretend beschreibt, wird die Tristesse der noch weißen Besitzer deutlich. Dass diese hart arbeitenden Farmer, eher Einsiedler als Großgrundbesitzer, dennoch als reiche Elite des Landes betrachtet werden, zeigt deutlich das ganze Elend Namibias, dass trotz aller Reformen nicht von den Knien kommen will. Natürlich gibt es atemberaubende Schönheit, aber das ist eher das Namibia der Touristen: Auf dem Land, aber noch mehr in den Townships, wo einige ergaunerte Cola-Flaschen beinahe schon der Weg zum „Wohlstand“ sind, ist für Idyll kein Raum.

Bernhard Jaumann, Steinland, Kindler, 313 S., 19,95€
VÖ: 7. März 2012