Marc Elsberg zeichnet ein paneuropäisches Horrorszenario

26 Mrz

Es beginnt vergleichsweise harmlos. Der Italiener Piero Manzano übersteht leicht verletzt einen Verkehrsunfall. Es hatte an einer Kreuzung gekracht, weil die Ampeln ausgefallen waren. Das kommt ja schon mal vor. Erst als er das Krankenhaus verlässt, beginnen die Dinge kompliziert zu werden. Noch ahnt der wackere Mann nicht, dass aus dem scheinbar unkomplizierten Heimweg eine Odyssee quer durch Europa werden soll. Zunächst kehr er in seine Wohnung zurück und muss feststellen, dass nicht nur die Ampel, an der er seinen Unfall hatte, sondern auch der Strom in seiner Wohnung ausgefallen ist. Genauer gesagt sitzt ganz  Mailand im Dunkeln.

„Blackout“ beginnt mit einigen kleinen Aussetzern

Es beginnt mit einigen wenigen Aussetzern in Italien und Schweden, aber immer rascher brechen immer größere Teile der Stromversorgung quer durch Europa zusammen. Am Anfang glauben die zuständigen Behörden und Stromversorger noch an technische Pannen und sind zuversichtlich, die Panne schnell wieder beheben zu können. Aber das gelingt nicht. Ganz im Gegenteil. Unterdessen wird zumindest Piero Manzano, einem ehemaligen Hacker, bei der Untersuchung seines elektronischen Stromzählers klar, dass irgendjemand das Stromnetz im gigantischen Umfang manipuliert. Der Italiener hat allerdings – ein Thema wie aus der antiken Sagenwelt – das Problem, dass dem Hellsichtigen niemand seine Prognose glauben will. Obwohl er mit seinen Erkenntnissen bis in die Zentralen europäischer Macht reist, gerät er sogar selber unter Verdacht.

Ein gesamteuropäisches Schreckensbild

Marc Elsberg hat sich mit „Blackout“ ein wahres Horrorszenario moderner Gesellschaften erdacht. Der Autor geht der Frage nach, was passiert, wenn die lebenserhaltende Energieversorgung zusammenbricht. Zunächst einmal zeichnet der Österreicher ein paneuropäisches Bild  Rembrandtschen Ausmaßes. Der Leser steht, einem Museumsbesucher gleich, staunend vor einem riesigen Gemälde und versucht, die zahllosen Fragmente, aus denen sich das Gesamtkunstwerk zusammensetzt, zu erfassen.

Marc Elsberg analysiert die Krise mit der Präzision des Chirurgen

Details gibt es in Blackout in Massen. Kühl zeichnet Elsberg den Verlauf einer Katastrophe auf, wenn nach der Stromversorgung Stück für Stück die Infrastruktur zusammenbricht, wenn erst die täglichen kleinen Helfer ausfallen, dann Wasser- und Lebensmittelversorgung zusammenbrechen und mit den letzten gesellschaftlichen Strukturen auch die öffentliche Ordnung verschwindet. Raubzüge, Gewalt, Machtübernahmen durch das Militär sind nur einige Bestandteile, der apokalyptischen Reise, die Europa in nur wenigen Tagen durchläuft. Wie bei einer Zwiebel schält Elsberg mit der Präzision eines Chirurgen Schicht für Schicht nicht nur die Errungenschaften des Fortschritts sondern auch den dünnen Firnis der Zivilisation von den Menschen – so lange, bis nur noch ein brutaler, egoistischer Kern übrig bleibt, der dem Humanisten die Tränen in die Augen treibt. Vermutlich hat der Mittvierziger dabei sogar noch ein weiches Herz und lässt den Einwohner Europas noch für einige Tage Zivilcourage, Solidarität und Nächstenliebe. Die Wirklichkeit würde sich , so steht zu befürchten, noch wesentlich härter und grausamer darstellen.

„Blackout“: Ein überaus gelungener Thriller

„Blackout“ ist eine enorm spannende Lektüre. Wer sich an die häufigen Ortswechsel dieses gesamteuropäischen Thrillers gewöhnt hat, wird mit zunehmenden Schrecken der Geschichte verfallen, die über mehrere hundert Seiten so gar keine Aussicht auf ein Happy End anbieten will. Der Leser geht im Kopf tatsächlich die Vorräte an Batterien, Kerzen und Lebensmittel im eigenen Haushalt durch, so realistisch zeichnet Elsberg den Weg in den unversorgten Abgrund. Dass gebürtige Wiener  über lange Zeit darauf verzichtet, sich mit den Verursachern der Katastrophe auseinander zu setzen, ist ein außergewöhnlich gelungener Einfall, der das dramatische Moment des Romans deutlich erhöht. Erst gegen Ende, als alle Hoffnung verloren scheint, wendet er den Blick und bietet eine Erklärung, die in ihrer beinahe schon banalen Beiläufigkeit dem Schreckensszenario zusätzliche Glaubwürdigkeiten verleiht.

Blackout ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinne, aber ein überaus gelungener, enorm dicht geschriebener und beinahe schon penetrant spannend erdachter Thriller, der obwohl er ein genretypisches Weltuntergangsszenario zeichnet, eine intelligente gesellschaftskritische Komponente enthält. „Blackout“ ist Thrillerkost auf allerhöchstem Niveau.

 

Tatort:Europa

Es gibt viele Schauplätze in „Blackout“. Handelnde Figuren gibt es in beinahe allen europäischen Hauptstädten, insbesondere aber in den Machtzentralen in Paris, Brüssel, Den Haag und Berlin. Marc Elsberg hat einen europäischen Thriller geschrieben und entsprechend weit kommt das handelnde Personal herum. Natürlich bleiben die Orte angesichts der Vielzahl der Schauplätze ein wenig blass, aber Elsberg hat keinen Reiseführer, sondern ein Krisenszenario erdacht. Die Orte, die er dazu braucht, vom aufgegebenen, verlassenen Krankenhaus, über das überfüllte Notasyl bis hin zu kleinen, langsam untergehende  Inseln der Versorgung in einem wilden Meer des stromlosen Chaos, hat er gut erdacht und glaubwürdig beschrieben.

Marc Elsberg, Blackout, Blanvalet, 797 S., 19,99€

VÖ: 15. März 2012