Kein Krimi, kein Thriller. Trotzdem gut: Liza Marklunds „Weißer Tod“

31 Mrz

Annika Bengtzon hat ein Gespür für Geschichten und ist hartnäckig bis zur Selbstaufgabe. Das macht sie zu einer guten Journalistin. Seit mittlerweile 14 Jahren jagt sie öffentlich Dieben, Mördern und sonstigen Unholden hinterher. In ihrem aktuellen „Fall“ hat sie sich nach einem längeren USA-Aufenthalt wieder in ihrer schwedischen Heimat eingelebt, als sie über eine Frauenleiche stolpert.

Hiobsbotschaft aus Afrika

Bevor sie jedoch anfangen kann, zu ermitteln, ereilt sie eine wahre Hiobsbotschaft. Ihr Mann Thomas, mit dem sie sich gerade erst wieder versöhnt hatte, wurde in Afrika entführt. Die Kidnapper, deren Basis irgendwo im rechtsfreien Raum zwischen Somalia und Kenia liegt, drohen den Ehemann zu ermorden und stellen aberwitzige politische sowie finanzielle Forderungen. Es beginnt ein nervenzermürbender Verhandlungsmarathon, an deren Ende Annika Bengtzon sich ins Flugzeug nach Kenia setzt, um ihren Mann nach Hause zu holen.

Die Hilflosigkeit einer zweifachen Mutter

Bengtzon ist die geniale Erfindung der Schwedin Lisa Marklund. Seit 1998 hetzt die Autorin ihre Figur von einem unappetitlichen Fall zum nächsten. Diesmal ist jedoch alles anders. „Weißer Tod“ ist sehr weit weg von einem Kriminalroman. Es wird nicht ermittelt. Die Katastrophe stürzt über eine hilflose Mutter zweier Kinder hinein, die nur zusehen kann, wie sich die Lage immer mehr zuspitzt. Obwohl es um eine Entführung geht, ist „Weißer Tod“ streng genommen nicht einmal ein Thriller. Lisa Marklund hat an ihrer Familiensaga um Annika Bengtson weitergeschrieben und ein beklemmendes Psychodrama geschaffen.

Liza Marklund und Annika Bengtson surfen an der Grenze zum Kitsch

Die Stärke der erfundenen Journalistin ist ihre Energie und die kaum zu zügelnde Wut, mit der sie an die Dinge herangeht. Bei Bengtzon ist alles persönlich – und das schreibt Marklund auf einmalige Weise fesselnd auf. Auch wenn also außer zähen Verhandlungen eines Unterhändlers am Telefon eigentlich nichts passiert, kann man – sofern man sich auf das persönliche Drama einer Frau mittleren Alters einlassen mag – sich kaum von dem Roman lösen. Natürlich surfen Marklund und Bengtzon mit all den persönlichen Dramen hart an der Grenze zum Kitsch. Der Autorin gelingt es jedoch immer, die Balance zu halten, so dass beide nicht in das unter ihnen lauernde Meer der Tränen stürzen. Außerdem sind Geiseldrama und das hilflose Warten der Angehörigen nicht nur packend, sondern auch extrem glaubwürdig nacherzählt. Auch wenn also der Aufdruck „Kriminalroman“ auf dem Buch in die Irre führt, lohnt sich die Lektüre.

 

Tatort:Somalia

Man weiß natürlich nicht, wie gut Liza Marklund sich wirklich in Afrika auskennt, auch war sie vermutlich nie Geisel einer mordlüsternen Bande. Aber das Leiden der Entführungsopfer sind genau so glaubwürdig beschrieben, wie die unbarmherzige Sonne, der Staub, der Dreck der Hütten irgendwo im afrikanischen Niemandsland am Horn von Afrika, dort, wo jegliche staatliche Ordnung längst zusammengebrochen ist. Das fensterlose Loch, in dem Annikas Mann Thomas festgehalten wird, steht dabei im merkwürdigen Gegensatz zur heimeligen Enge der Wohnung des Paares in Schweden. Dass die Ehefrau zudem beim Warten die (ausgiebig beschriebenen) exquisitesten Mahlzeiten zubereitet, während ihr Mann bei madenverseuchtem Essen ums Leben kämpft, liest sich einigermaßen befremdlich, ist aber vermutlich ein Kunstgriff, um die Gegensätze zwischen erster und dritter Welt herauszuarbeiten. Liza Marklund bezieht nämlich durchaus Position und der Rezeptvorschlag als politische Botschaft ist ja auch mal was Anderes.

Liza Marklund, Weißer Tod, Ullstein, 375 S., 19,99€

VÖ: März 2012