Spannung unter einer Staubschicht: „Der Deal“ von David Ignatius

11 Apr

Das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gehört zu den abgelegensten Flecken der Erde. Hier halten sich seit Jahrhunderten beinahe unverändert archaische Traditionen auf eigentümliche Weise zivilisierter wilder Stammesverbände. Hier Fuß zu fassen, ist bislang noch keiner ausländischen Macht, keiner westlichen Kulturidee gelungen.

Nach Briten und Russen holen sich derzeit, so muss man das leider festhalten, die USA am Hindukusch eine nachhaltig blutige Nase: Die Idee unter Missachtung unverstandener Kulturen ganze Landstriche abwechselnd mit Dollar-Bündeln und Granaten zu bombardieren, bringt den Kampf gegen steinzeitlich anmutende religiöse Fundamentalisten bislang nicht zu einem erfolgversprechenden Ende.

Die dubiosen „Deals“ einer Geheimorganisation

In dieses unerquickliche Szenario siedelt der US-Schriftsteller David Ignatius seinen neuesten Thriller „Der Deal“ an. Eine supergeheime Geheimorganisation der USA soll in dem Gebiet mit allen Mittel Frieden erkaufen. Das ist zumindest der Plan des Kopfes der Organisation, einem ehemaligen CIA-Agenten, dem der US-Geheimdienst nicht mehr geheim genug war. Allerdings läuft die Sache schnell aus dem Ruder und die Agenten der sogenannten „Hit-Parade“ sterben bei ihren Einsätzen grausame Tode. Irgendjemand, so die Erkenntnis, hat dafür gesorgt, dass das Geheimnis der supergeheimen Geheimorganisation in die falschen Hände gerät.

David Ignatius lässt eine Spionin ermitteln

In der Zentrale der Gehim-Organisation arbeitet die junge Sophie Marx als Leiterin der Gegenspionage. Sie wird von ihrem Chef dazu auserkoren, die Mörder zu finden. Keine Frage, dass ihr das am Ende mehr oder weniger gelingt. Bis dahin hat sie jedoch so manche Intrige zu überstehen und manches Rätsel zu lösen. Der Gegner ist schlau – und bedient sich perfiderweise der Mittel seiner Gegner.

Nur Lügner und Betrüger

„Der Deal“ ist ein spannender Thriller, der nach allen Regeln der Kunst die Mittel und Methoden der modernen Geheimdienste aufschreibt. Anders als vom Verlag angedeutet handelt es sich jedoch nicht um einen Action-getriebenen James-Bond-artigen Plot mit (kampftechnisch) omnipotenten Superhelden, sondern viel mehr um einen intelligent erdachten Politthriller, der sich einigermaßen kritisch mit der US-Politik in Zentralasien auseinandersetzt. Die handelnden Personen sind überwiegend in der Sache ignorante, aalglatte Lügner und Betrüger, deren Ziele undurchschaubar bleiben. Die Agenten der Supermacht kommen noch nicht einmal als fehlgeleitete Patrioten durch, denen alles gestattet ist, weil sie für das „großartigste Land der Welt“ spionieren. Ignatius Agenten intrigieren, weil sich nicht anders können. Sie sind berufsmäßige Lügner, Betrüger und Mörder – und machen deshalb genau das. Ihren Gegenspielern lässt Ignatius wenigstens Rache und religiösen Fanatismus als Motiv.

Ein altmodischer Thriller rund um die CIA

Obwohl Ignatius einen Spionagethriller geschrieben hat, der auf moderne Mittel der „Kriegsführung“ eingeht, und mit dem langwierigen Kriegschauplatz einen aktuellen Fokus besitzt, wirkt „Der Deal“ auf merkwürdige Weise altmodisch. Das liegt vermutlich an den Kürzeln, die den Roman bevölkern. Eigentlich erwartet doch niemand mehr ernsthaft irgendetwas Neues von CIA&Co zu erfahren. Auch die Demontage der einst „strahlenden Helden“ des Kalten Krieges haben andere Autoren schon gründlich unternommen. Insofern bietet – so widersprüchlich das klingt Hochspannung unter einer irritierend dicken Staubschicht.

 

Tatort:Pakistan

„Der Deal“ hat viele Schauplätze. Washington, Los Angeles, London, Dubai, Islamabad. Für einen Agententhriller gehört sich das auch so. Eine große Rolle spielen diese Orte nicht. Auch das ist durchaus Genretypisch. Einem Ort jedoch versucht David Ignatius sich zu nähern: Pakistan. Das ist insofern verdienstvoll, als er deutlich zu machen sucht, weshalb die USA dort zu scheitern drohen. Ignatius taucht also in eine Welt fremdartiger Stammesverbände und lokaler Machtstrukturen ein, allerdings nur, um kurze Zeit später wieder mit der Erkenntnis aufzutauchen, dass im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan ein eigensinniger und hinterlistiger Menschenschlag mit einem überaus merkwürdigen Ehrbegriff haust. Das ist natürlich oberflächlich und beinahe unerträglich klischeebeladen – aber dennoch hilfreich, wenn es die Erkenntnis transportiert, dass andere Menschen gelegentlich anders sind. Wenn das mehr Menschen verstünden (insbesondere in der internationalen Politik), wäre schon eine Menge gewonnen.

David Ignatius, Der Deal, Rowohlt, 476 S. 9,99€

VÖ: April 2012